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Alle sind schneller als die anderen

Weil sich die deutschen Bobpiloten nicht einigten, welche Schlittenmarke besser ist, fahren sie beide weiter. Das ärgert deutsche Entwickler

Es wird Zeit, über Zeiten zu reden - und nicht mehr über Geld. Das dürften sich jedenfalls Funktionäre, Trainer und Sportler beim Bob- und Schlittenverband Deutschlands (BSD) wünschen. In wenigen Tagen geht es zum ersten Weltcup der Olympiasaison nach Lake Placid in den USA, und spätestens dann wird nur noch über Hundertstelsekunden diskutiert und nicht mehr über Hunderttausende Euro. Die Debatte um das teure Material, das die deutschen Bobfahrer im Februar 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang möglichst zu Gold tragen soll, ist beendet. Die Frage, ob der FES-Bob der schnellere ist oder doch der von Wallner, wurde salomonisch mit »beide« beantwortet.

Dem Ganzen vorausgegangen war die Olympiaenttäuschung von Sotschi, als die deutschen Fahrer 2014 in Russland der Konkurrenz hinterherfuhren. Wie schnell sie auch starteten, auf der Bahn verloren sie bei jeder Fahrt ohne erkennbare Fehler zu viel Zeit und jegliche Medaillenchance. Die Schlitten vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin waren zu langsam. Das soll sich nicht wiederholen, also wurde im vergangenen Winter getestet: Zu den FES-Bobs, die nur fürs deutsche Team entwickelt werden, kaufte der BSD noch ein paar aus dem Haus des Österreichers Johannes Wallner, der den Großteil der internationalen Konkurrenz ausrüstet. Es wurde gefahren, gemessen, verglichen, geschraubt, gefahren, gemessen, verglichen und so weiter. Ein eindeutiges Resultat bekam der Verband nicht. Beide Geräte waren schnell, ließen sich nur unterschiedlich lenken. Mit Wallner-Bobs wurden Francesco Friedrich und Johannes Lochner in diesem Februar zeitgleich Viererweltmeister in Königssee, Nico Walther bevorzugte das FES-Gerät und wurde knapp dahinter Dritter. Alle drei wollten danach die Marke nicht mehr wechseln.

Das Geld für neue Bobs kommt zur einen Hälfte vom Verband, zur anderen vom Bundesministerium des Innern. Das BMI will nicht doppelt zahlen, also wurde im Sommer hin- und hergerechnet. Die Sporthilfe wurde um Hilfe gebeten, Sponsoren auch. Sogar eine Eigenbeteiligung der Piloten stand zur Debatte. Diese ist nun vom Tisch. Vier neue Bobs (je zwei Zweier und Vierer) wurden von Wallner gekauft. Mit denen testeten in der vergangenen Woche Friedrich und Lochner die Olympiabahn in Südkorea. Doch auch Walther sowie die beiden besten Frauenbobs dürfen weiter ihre FES-Schlitten fahren.

Dem BSD-Vorstandsvorsitzenden Thomas Schwab zufolge wurden einfach weniger Bobs aus Berlin geordert. Das Geld dafür floss nun nach Österreich. Das FES zeigt sich davon nicht begeistert. »Wir glauben, die Kosten wurden verdoppelt, das Ergebnis ist das Gleiche«, sagte ihr Direktor Harald Schaale der Deutschen Presse-Agentur. Dem widerspricht Schwab gegenüber »nd«: »Wir bezahlen nichts doppelt. Das weiß Herr Schaale auch.«

Die Wahrheit dürfte mal wieder in der Mitte liegen. BMI und BSD dürften für die Bobs wahrlich kaum mehr Geld ausgegeben haben. Aber das öffentlich geförderte Institut FES verdient weniger Geld als für den Olympiazyklus kalkuliert, obwohl die Forschungskosten nicht gesunken sein dürften. Zudem profitiert Wallner vom ständigen Vergleich mit dem FES, was die Konkurrenzsituation nur noch verschärft. Immerhin fährt Entwickler Johannes Wallner nun mit dem deutschen Team durch den Weltcupwinter. Und alles, was er in die Bobs von Friedrich und Lochner zusätzlich zur Stangenware einbaut, darf er laut Vertrag nicht an die Konkurrenz verkaufen.

Bundestrainer René Spies ist erst einmal zufrieden, dass es eine Klärung gegeben hat, und »dass die Fahrer alle zufrieden sind« - auch wenn die Situation immer noch nicht ideal sei: »Natürlich könnte man mit drei baugleichen Bobs noch mehr vergleichen und Schlüsse ziehen, aber trotzdem arbeiten alle sehr professionell.« Diese Vergleiche sind nun nur noch zwischen Friedrich und Lochner möglich. Nico Walther ist nun ein Solist als »Testpilot«. Trotzdem ist er vom FES-Bob überzeugt: Zu Olympia »haben wir ein Gerät, das schneller ist als der Rest der Welt«.

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