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»In Sachsen wird Rassismus nicht aufgearbeitet«

Der schwarze Aktivist und Blogger Ali Schwarzer über Rassismus in Ostdeutschland und den Unterschied zu Westdeutschland

  • Von Max Zeising, Mannheim
  • Lesedauer: 4 Min.
Legida am 21.09.2017 in Leipzig
Legida am 21.09.2017 in Leipzig

Sie haben viele Jahre lang in Sachsen gelebt und sind dann nach Mannheim geflüchtet – vor dem Rassismus in Ostdeutschland, wie Sie sagen. Geht es Ihnen jetzt besser?
Auf jeden Fall. Die Menschen sind hier viel entspannter. Als ich zum Beispiel mit dem Fernbus in Mannheim ankam und den Bahnhof suchte, wurde mir sofort geholfen. Das ist mir in Leipzig nie passiert. In Leipzig kann ich froh sein, wenn überhaupt jemand stehen bleibt. Auch muss ich hier deutlich seltener meinen Ausweis vorzeigen. Ich fühle mich hier wohler und mir geht es auch gesundheitlich viel besser als zuvor.

Das sind ja schwere Vorwürfe. Was haben Sie denn in Sachsen konkret erlebt?
Das fängt bei ganz alltäglichen Situationen an: Wenn ich in Leipzig einkaufen gehe, dann kann es passieren, dass mich der Verkäufer gar nicht bedienen will. In Mannheim führen die Verkäufer sogar Gespräche mit mir. Als ich in Leipzig einen Job suchte, dann wollte mir das Jobcenter der Uni partout nicht die Kontaktdaten für einen Sekretariatsstelle aushändigen, nur für eine Stelle als Fliesenleger. Ich bin in Leipzig aber auch mehrere Male angespuckt worden.

Es geht also bei ganz alltäglichem Rassismus los.
Ich spreche nicht von Alltagsrassismus. Das ist einfach nur Rassismus. Und was mich aufregt: Alle sagen immer, das machen ja nur die Rechten, und zwar die erkennbaren Rechten mit Springerstiefel und Glatze, aber nicht die sogenannten Normalbürger. Das Jobcenter-Beispiel zeigt hingegen, dass der Rassismus mitten in der Gesellschaft steckt.

Und im Westen ist das nicht so?
Das habe ich nicht gesagt. Jedoch ist das Leben hier für mich angenehmer. Denn der Rassismus in Westdeutschland ist versteckter, nicht so offensichtlich. Es gibt ja diesen Witz: Warum braucht der Wessi ein Jahr länger bis zum Abitur? Weil er ein Jahr Schauspielunterricht hat! Heißt: Es kann schon mal zwei Jahre oder länger dauern, bis ein Wessi etwas Rassistisches sagt, was einem Ossi direkt auf den Nägeln brennt.

Die AfD erzielte bei der Bundestagswahl in Sachsen ihr bestes Ergebnis und wurde dort sogar stärkste Kraft. Hat Sie dieses Resultat überrascht?
Mich hat es überhaupt nicht überrascht. In Sachsen wird Rassismus nicht aufgearbeitet, es wird immer alles wegdiskutiert. Man denke nur an die Aussage des ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der Sachse sei immun gegen Rechtsextremismus. Darauf ruht sich der Sachse aus.

Als einer von vielen Gründen für den Rassismus in Sachsen wird häufig die DDR-Vergangenheit Ostdeutschlands, das biedere und angepasste Leben der Ostdeutschen in einer Diktatur genannt, ohne Kontakte zur weiten Welt. Sehen Sie das auch so?
Was den Leuten fehlt, war und ist der Kontakt zu nicht-weißen Menschen. In Mannheim, wo 44 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben, wo über 150 verschiedene Nationen friedlich miteinander leben, werden die Leute ja dazu gezwungen, Kontakt aufzunehmen. Übrigens haben die ersten Gastarbeiter in Westdeutschland auch viel Rassismus erfahren. Heute geht es ihnen aber deutlich besser.

Andererseits hat der Westen nach der Wende den Osten aufgekauft, viele Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, nicht ernst genommen. Sind die Ostdeutschen nicht eher Opfer als Täter?
Ich finde es schwierig, mit den Kategorien Täter und Opfer zu arbeiten. Ich bin im Osten aufgewachsen und kenne viele Menschen mit Brüchen in ihren Lebensläufen. Aber das ist kein Grund, rassistisch zu sein. Die Menschen in Sachsen waren schon im Kern rassistisch und können ihren Rassismus nun ausleben. In der DDR wurde Rassismus dagegen ignoriert und totgeschwiegen, war nicht Bestandteil der Staatsdoktrin, es wurde aber auch nichts dagegen getan.

Sie sprechen von einem Rassismus, der ganz Sachsen durchzieht. Leipzig, die größte Stadt des östlichsten deutschen Bundeslandes, wird jedoch häufig eher als Hochburg der radikalen Linken bezeichnet. Ist das, nach allem, was sie erlebt haben, eine Lüge?
Das ist eine totale Lüge. Wahr ist, dass die linke Szene in Leipzig deutlich aktiver ist als anderswo, aber sie ist relativ klein. Es sind immer dieselben Leute, die sich engagieren, wie die LINKE-Abgeordnete Juliane Nagel. Man kann nicht sagen, dass Leipzig eine linke Stadt ist.

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