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Das IOC zeigt doch noch Zähne

Fast vier Jahre nach den Winterspielen von Sotschi muss Russlands Skilangläufer Alexander Legkow seine Goldmedaille wegen eines Dopingvergehens zurückgeben

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.

Der 23. Februar 2014 liegt fast vier Jahre zurück. Es war ein bedeutender Tag in Russlands Skilanglaufgeschichte. Noch nie war es drei russischen oder zuvor sowjetischen Männern gelungen, ein komplettes olympisches Siegerpodium zu besetzen, und auch dieses Mal schien die Wahrscheinlichkeit dafür äußerst gering. In elf Wettbewerben zuvor hatte das Heimpublikum im Laura Skistadion hoch über Sotschi bei Männern und Frauen nicht eine Einzelmedaille ihrer Helden feiern können. Die Männer gewannen immerhin zwei silberne im Teamsprint und der Staffel. Doch plötzlich stürmten am letzten Wettkampftag Alexander Legkow, Maxim Wylegschanin und Ilja Tschernoussow über 50 Kilometer zu dritt an die Spitze. Die Menge tobte, die Konkurrenz wunderte sich.

1347 Tage später erscheint zumindest der Schnellste des Trios des Dopings überführt. Am späten Mittwochabend entzog das Internationale Olympische Komitee (IOC) Legkow wegen des »Verstoßes gegen Antidopingregularien« den Olympiasieg. Russlands Staffel, an der Legkow beteiligt war, muss ebenso ihre Silbermedaille ans IOC zurückschicken. Legkow sowie der medaillenlose, aber ebenfalls überführte Jewgeni Below dürfen nie mehr an Olympischen Spielen teilnehmen. Damit nicht genug, kündigte das IOC weitere Urteile in den kommenden Tagen an. Zuvor hört seine Oswald-Kommission dazu weitere beschuldigte Sportler an.

Vor knapp 18 Monaten hatte der Leiter des olympischen Kontrolllabors, Grigori Rodtschenkow, in der »New York Times« enthüllt, dass er ein Drittel aller russischen Medaillengewinner der Winterspiele in Sotschi mit Dopingmitteln versorgt und ihre Urinproben nach den Wettbewerben mit Hilfe des Geheimdienstes vertauscht hatte. Nun folgen die Konsequenzen, die Sportler aus aller Welt seit Langem verlangt hatten.

Zunächst hatte Sonderermittler Richard McLaren 95 Proben untersucht und bei 28 Athleten Manipulationen festgestellt. Erst die Entwicklung einer »forensisch validen Methode« zum Auffinden von Kratzern an den Probebehältern durch das IOC hat die Beweisführung nun offenbar wasserdicht gemacht. Das IOC untersucht nach Angaben eines Sprechers gegenüber »nd« nicht nur jene Proben von McLaren, sondern Hundere weitere, die sie einst von Sotschi und Moskau aus nach Lausanne hatte schicken lassen. Tausende Proben - nicht nur von den Spielen in Sotschi - hatte das Labor jedoch bereits zerstört.

Russlands Skiverbandspräsidentin Jelena Wjalbe hat im Gespräch mit der Agentur R-Sport bereits Einspruch gegen die Urteile vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ankündigt. Legkows Anwalt Cristof Wieschemann schloss sich dem an und geht sogar davon aus, dass Legkow, deren vorläufige Suspendierung durch den Weltskiverband FIS am 31. Oktober abgelaufen war, beim Weltcupauftakt am 24. November starten wird. McLaren habe »in seinem Report erklärt, dass ihm keine Beweise für Doping individueller Athleten vorliegen. Das IOC trifft Entscheidungen, die weit über McLarens Report hinausgehen«, so Wieschemann. »Das Urteil stand fest, bevor wir den Gerichtssaal betreten haben. Das ist doch ein politisches Urteil!« Ein vom IOC beauftragter Forensiker habe zudem gesagt: Es gebe »überhaupt keine Beweise für die Manipulation der Proben dieses Athleten«. Harte Anschuldigungen eines Anwalts, der - wie alle anderen auch - die Urteilsbegründung noch nicht vorzuliegen hat. Wofür das IOC Legkow genau verurteilte, ist noch nicht publik. Die FIS muss ebenfalls die Begründung abwarten, bevor sie Legkow und Below auch für ihre Wettbewerbe sperrt, so sie das denn will.

Legkows Name soll laut »New York Times« auf einer Liste stehen, mit der eine russische Behörde Rodtschenkow einst beauftragt haben soll, Athleten zu dopen. Was, wenn ihm nie eine illegale Substanz nachgewiesen wird? Was, wenn das einzige Betrugsindiz eine Probe ist, die nicht Legkows, sondern fremdes Urin enthält? Indizien reichen in Dopingprozessen oft aus. Beschweren dürfte sich Legkow dann aber nicht beim IOC, sondern bei jenen Landsmännern, die ihm durch die Entsorgung seiner echten Probe die Chance nahmen, seine Unschuld zu beweisen.

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