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Himmel, Hölle - Amstetten

Staatsschauspiel Stuttgart: »Faust I« von Goethe unter der Regie von Stephan Kimmig

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Es ist ein zerdroschnes Stück Literatur. Folter gegen Gymnasiasten. Unablässig schwingender Belehrungshammer. Ausdauernde Sinndrohung. Goethes »Faust«. Der suchende Gelehrte als Herr Mustermann für Aufklärung, Wissen und Neugier. Eine deutsche Sonderkarriere. Aber ließ Aufklärung den Geschichtslauf klarer werden? Machte Wissen die Welt sicherer gegen die Dummheit? Zeugte die Neugier denn Reichtümer, die das Menschengeschlecht von Gier befreiten? Nein, auch das Faustische erwies sich als elitäre Spielart des Elendigen. Goethe einen Klassiker zu nennen - vielleicht fordert es vor allem, dessen bitteres Urteil über uns Gegenwärtige zu ertragen: Sieh diesen Faust und sieh also den intelligenten Menschen, wie er sich, rauschmittelbesessen, Selbstermächtigungsgesetze schafft. Wie er Unschuld in den Wahnsinn treibt. Wie er finstersten Mitteln erlaubt, jedem höchst guten Zweck den Garaus zu machen. Wie er Gott spielt - in Ordnungen, die er nicht schuf. Wie er sich Welterkennung vorgaukelt und Weltwäsche betreibt - indem er Opfer anhäuft. Gretchen spricht den weisesten Satz: Heinrich, mir graut vor dir!

Stephan Kimmig inszenierte »Faust I« am Staatsschauspiel Stuttgart. Katja Haß hat eine weiße Zimmerfluchtenlandschaft gebaut: Verlies, Kühlhalle, ein Labyrinth aus schmucklosen Wänden. Das Klima einer Klinik. In allen Hintergründen hockt der Wille der Welt, zu einem Labor zu schrumpfen - darin Experimente aber verpönt sind. Man erwartet hier ständig Irrenärzte. Ein Bauhaus als Bau-Klotz - in dem die Entseelung hockt. Raum und Rollen des Stücks: nur schwarz oder weiß gezeichnet. Man hängt ab, als trüge man an Kopfschmerzen - nach allzu viel Hingabe an einen üblen Flaschengeist. Nun übt man die Ausnüchterung, gleichsam in Yogapose.

Faust. Eine Erinnerungsgalerie. Kurt Böwe, vor beinahe einem halben Jahrhundert bei Regisseur Horst Schönemann in Halle: unser Genosse im Mittelalter. Fred Düren bei Adolf Dresen und Wolfgang Heinz am Deutschen Theater Berlin: schon damals ein frecher Ausfallschritt - der Stoff nur noch der zitternde, gleichsam bleiche Schatten einer Utopie. Jahrzehnte später am gleichen Haus, bei Michael Thalheimer: Ingo Hülsmann als kantig-kalter Herzbrocken, der sich über Seelen wälzt. Sepp Bierbichler bei Christoph Marthaler in Hamburg: Erforscher des Schweigens, ein Erkenntnis-Stotterer. Und Bruno Ganz bei Peter Stein? Dieser Faust weilte in seiner Biografie, er lebte sie nicht. Sebastian Rudolph bei Nicolas Stemann in Hamburg: Der alte Faust ist jung, muss später nicht verjüngt werden, man ist schon früh am Ende. Faust ist Faust. Und Gott. Und Teufel. Und die Engel. Und sämtliche Osterspaziergänger. Er ist in seinem geistigen Nichts alles, er rammt die Worte wie Sargnägel in den Raum, als wäre der nicht nur nackt, sondern auch Fleisch. Fremdes Fleisch. Welt? Ist das, was weh tut.

Kimmig nun kombiniert sinnträchtig - Goethe mit Elfriede Jelinek. »FaustIn and out« heißt ihr Text über jenen perversen Josef Fritzl, der im österreichischen Amstetten seine eigene Tochter 24 Jahre wie eine Kasparin Hauser hielt und mit ihr Kinder zeugte. Fritzl als Kitzel, eine Idee bloßzulegen: jene Mannesgier, die keine Grenzen kennt, vor allem nicht Dämme der Scham. Wie Faust. Gretchen ist ihm das Objekt für Seelenkannibalismus. Jelinek überträgt ins Neudeutsche: »Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen, Ihnen meine Prügel anzutragen?« Lea Ruckpauls Gretchen - deutliches Requisitenspiel mit blonder deutscher Zopfperücke - kann ihre Tragödie zwar nicht verhindern, aber das Mädchen lässt sich dennoch nicht zum leichtgläubigen Opfer zermitleiden.

Paul Grill ist der junge Faust, rauschsüchtig bis zum obligatorischen Drogenkotz, ein Arztkittel-Galan mit Neigung zu Entblößungsschüben. Ein Playboy, der bestimmt auch Payback-Karten hortet. Elmar Roloff gibt in langen Unterhosen den Alten, den Geilkerl, dem sich die Jelinek-Monologe zwischen die Zähne schieben. Die Aufführung breitet sich in Saal und Foyer aus, holt sich Stimmung aus dem »Faust«-Stummfilm von Murnau, koppelt Bach mit Depeche Mode, setzt einen überdimensionalen Pfau ins Bild, spielt mit Goldbarren und Mobiltelefon; die berühmte Phiole für den Freitod ist ein Giftpilz. Der Abend bleibt dem Vorspiel treu, darin Goethe fordert, dass »alles neu und mit Bedeutung auch gefällig« sei.

Es herrschen der Trubel des Tödlichen und jene Totenstille, die wir Leben nennen. Der aasige Blutschmatz-Mephisto von Sandra Gerling hat eine leuchtend rote Zunge und zitiert Adorno. Sein Reich: eine Hometrainer-Hölle, die gleichsam Kaufland und Fitness-Studio verkuppelt. Er ist bereits auf der Bühne, wenn das Publikum hereinkommt: Welchen Weg wir auch einschlagen - der Teufel ist immer schon da. Hier befiehlt er dem echten Pudel »Fass!«, zeigt auf uns Zuschauer, das Tier reagiert nicht. Er ist ja schließlich nicht hündisch wie der willfährige Mensch. Der greift und angreift, was er doch nicht fassen kann. Und der seine Theorien der radikalen Weltveränderung noch immer kläfft, als lägen nicht jene mahnenden Erfahrungen vor, die in jeder Hinsicht um Mäßigung bitten.

Es gehört zum Augenzwinkern der Inszenierung, wie die Figuren betont müde und missmutig am Kanontext kauen. Mit Recht. Denn man hat das inzwischen alles ein wenig satt, dieses ideengeschichtlich Überlieferte, dieses Abgestandene der toten Lehrmeister, dieses Erzieherische der Besserwisser, diese Moralprotzerei des politisch Oppositionellen. Alles ein so erschöpft anmutendes Nachspiel zu den vergeigten Utopiefeiern des letzten Jahrhunderts. Goethes Held ist nicht länger Heros einer gut beleumdeten Vernunft - da uns der Weltenlauf in warnenden Abständen apokalyptische Zeichen an die Wand wirft. Von dort hallen auch die hohen Töne des Weimarer Edelverses nur noch gebrochen wider. Und darüber darf auch mal intelligent gelächelt werden. Auf jenem Strich der Unterhaltsamkeit, den Kimmig radikal durch die drei Stunden und durchs Stück zieht: keine Hexenküche, kein Valentin, keine Frau Marthe. Drei Schauspieler, Live-Musiker Malakoff Kowalski - das ist hier alles an Personal.

Betriebsfahrt im Bedeutungs-Vakuum, denn: Wir sind metaphysisch Unversicherte geworden. Dieser »Faust« offenbart: Zeit und Theater sind in ihrer Substanz vielleicht ziemlich erledigt, doch es wird ein Moratorium gewährt - Hoppla!, wir inszenieren noch! Weltbeholfenheit, das heißt hier: Die geistige Insolvenz tanzt und disputiert. Abgekämpft. Man macht den Mund auf, um sich von seinem Herzen zu distanzieren. Und statt Bildungs-Klippschule Klippenparty. Selten aber war Leerlauf so sympathisch. Und so ehrlich.

Nächste Vorstellungen: 7., 15., 25. November

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