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Pflegen, Erziehen, Kämpfen

Ein Sammelband untersucht die Konflikte der vergangenen Jahre im Sorgebereich

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In den ermüdend unpolitischen Wahlkampf des Spätsommers kam kurz vor dem Urnengang doch noch so etwas wie Bewegung. Zu verdanken war dies KollegInnen der Berliner Charité, die im September eine Woche lang für mehr Personal streikten und so das Thema Pflege mit Karacho den Wahlkämpfenden auf den Tisch knallten. Dass das funktionierte, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die Bewegung für mehr Personal im Krankenhaus nicht mehr in den Kinderschuhen steckt, sondern bereits seit zwei Jahren sich in alle Teile der Republik ausbreitet. Und sie ist nicht allein: Auch im Sozial- und Erziehungsdienst beispielsweise führten 2015 ArbeitnehmerInnen wochenlang einen Kampf für eine »Aufwertung« ihrer Berufe.

Diese »neuen« Kämpfe in den sozialen Dienstleistungen, dem Care-Bereich, haben ihren Niederschlag auch in der soziologischen Forschung gefunden. So seien sie »selbstverständlich nicht die Ersten«, die das Phänomen in den Blick nähmen, schreiben die HerausgeberInnen des Buches »Sorge-Kämpfe«, unter ihnen die Erlanger Arbeitssoziologin Ingrid Artus. Das mag stimmen, dennoch ist der nun erschienene Sammelband der erste, der sich detailliert den Hintergründen dieser Kämpfe widmet - und sie gleichzeitig wieder zusammenbindet, auf gemeinsame Fragestellungen hin abklopft.

Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass die AkteurInnen von Streiks - durch die Verschiebung dieser in den Bereich der erwerbsförmig erbrachten Sorgearbeit - weiblicher geworden sind. »Die Idee, gesellschaftlichen Wandel von Kämpfen um Erwerbsarbeit her zu denken, ist nicht neu«, schreiben die AutorInnen. Sie sei aber in Europa historisch gebunden gewesen an soziale Konflikte »in den Fa- briken des Industriezeitalters, an Militanz und Männlichkeit«. Das ist nun anders, und so müsse das verbreitete Vorurteil, wonach Sorge-Arbeitende eher konfliktscheu und nicht gewerkschaftlich aktiv seien, »mehr und mehr revidiert« werden.

Verwiesen wird auf den merklichen Widerspruch, dass einerseits den Care-Berufen im gesellschaftlichen Diskurs zunehmend mit Wertschätzung begegnet werde, andererseits aber viele Elemente dieser Arbeit »wenig sichtbar« blieben. Und dass - ob nun in Kitas, Kliniken oder der Altenpflege - mit dem Ende des Fordismus, dem neoliberalen Umbau des Wohlfahrtsstaates und der damit einhergehenden Ökonomisierung der Care-Arbeit die Bedingungen, unter denen sie verrichtet wird, sich verschlechtert haben. Hier liegt den Autoren zufolge auch eine Erklärung für die Zunahme von Arbeitskämpfen. Denn Mobilisierung entstehe nicht »allein aufgrund der Möglichkeit zur Interessendurchsetzung oder einer günstigen Gelegenheitsstruktur«, ebenso wenig entstehe sie allein aufgrund »materiell besonders ›schlechter‹ Bedingungen«. Vielmehr sei ein »moralischer Referenzrahmen«, in dem sich Menschen unangemessen, »unwürdig«, »ungerecht« behandelt fühlen, »Voraussetzung für soziale Mobilisierung«. Die hier entstandene Spannung zwischen Anspruch, Anerkennung und Wirklichkeit in der Sorgearbeit fordere eine »Neuaushandlung« der Arrangements, in deren Rahmen diese stattfindet.

Einigen Formen dieses »Umkämpfens« widmen sich die Autoren näher. Die Anordnung, wie dies erfolgt, ergibt Sinn: Zunächst geht es in mehreren Beiträgen um den Sozial- und Erziehungsdienst. Der nächste Abschnitt richtet den Fokus auf die Krankenhäuser; der Schwerpunkt liegt hier auf der bereits erwähnten Bewegung für mehr Personal. Aber nicht nur: Auch die bisher wenig thematisierten Bedingungen von Pflegekräften aus Südeuropa, vor allem Spanien, - in Deutschland teilweise mit Knebelverträgen ausgebeutet -, werden beleuchtet. Der dritte Hauptteil des Buches blickt dann auf die Altenpflege und persönliche Assistenz. Und abschließend werden die ausgelegten Fäden wieder zusammenknüpft. So bewegt sich der Band vom Allgemeinen zum Konkreten und wieder zurück, gesättigt mit Beispielen und Hintergründen. Das ist spannend zu lesen für interessierte BeobachterInnen wie für aktive KollegInnen oder solche, die es werden wollen.

Ingrid Artus/Peter Birke/Stefan Kerber-Clasen/Wolfgang Menz (Hrsg.): Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen, VSA-Verlag 2017, 336 Seiten, 26,80 Euro

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