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Damaskus freut sich über 24 Stunden Strom

Der befriedete Teil Syrien und die wiederkehrende Normalität / Aufsehenerregende Enthüllungen aus Katar

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 3 Min.

Verletzte und Tote in Damaskus und Hama durch Mörsergranaten, militärische Landgewinne in Deir Ez-Zor und Amnestievereinbarungen in Manbij. Ein Abkommen über die Öl- und Gasförderung mit Oman, ein Abkommen über die Medienzusammenarbeit mit Kuba, irische und schwedische Delegationen reisen durch das Land, um sich selber ein Bild von der Lage in Syrien zu machen.

Eine Mischung von Meldungen charakterisiert den syrischen Alltag in diesen Herbsttagen. Die Straßen von Damaskus sind von Menschen überfüllt, die aus allen Teilen Syriens kommen, um Dinge zu erledigen, die in ihren Heimatorten aufgrund des Krieges nicht mehr möglich sind. Der erste Regen ist gefallen, die Syrer hoffen auf mehr, um die Wasserreservoirs wieder zu füllen.

Ob westliche Medien den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad beschuldigen, in der östlich von Damaskus gelegenen Ghouta Menschen auszuhungern oder bei Chan Scheichun im April den Einsatz von Giftgas angeordnet zu haben, spielt im Alltag der wenigsten Syrer eine Rolle. Alle Syrer haben Schreckliches erlebt und viel verloren. Nun freuen sie sich über 24 Stunden Strom am Tag, sieben Tage die Woche, sie wollen ihr Leben wieder aufbauen. Sie schicken ihre Kinder in die Schulen und hoffen, dass der Krieg bald zu Ende ist, damit ihre Söhne nicht an die Front müssen, wenn sie den Militärdienst antreten.

Astana, Genf, New York und der UN-Sicherheitsrat sind weit entfernt für die Syrer. »Russland und die USA müssen sich einigen, dann wird es auch bei uns wieder voran gehen«, sagt Nabil M., ein pensionierter Agraringenieur. Skeptisch ist er allerdings gegenüber dem russischen Vorschlag, eine »Konferenz der Völker Syriens« abzuhalten.

»Wir danken den Russen für alles, was sie für uns getan haben und tun, aber eine solche Konferenz wird zur Spaltung von Syrien führen«, ist der Ingenieur überzeugt. Der russische Präsident Wladimir Putin dürfe Syrien nicht mit der Russischen Föderation verwechseln. »Syrien ist ein kleines Land verglichen mit Russland. Wenn hier alle ethnischen und religiösen Gruppen meinen, als Volk Anrecht auf politische Sonderrechte zu haben, wird es Syrien nicht mehr geben.« Eine »Konferenz für den nationalen Dialog«, wie Moskau seine Initiative mittlerweile nennt, begrüßt er dagegen. Noch besser wäre es, den Dialog nicht im Ausland, sondern in Syrien zu führen.

Was viele Menschen und zwar nicht nur in Syrien in diesen Tagen beschäftigt, ist ein Live-Interview, dass der ehemalige Ministerpräsident von Katar, Scheich Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani, vor einer Woche im katarischen Fernsehen gab. Er sprach offen darüber, wie Katar, Saudi-Arabien, die Türkei und die USA die regierungsfeindlichen bewaffneten Gruppen in Syrien »vom ersten Tag an« mit Geld und Waffen unterstützt hätten, die Terrororganisation Nusra-Front inklusive. Saudi-Arabien habe Katar aufgefordert, die Führung zu unternehmen, die Waffen seien von der Türkei und den der USA geliefert worden. Man sei in Syrien auf Vogeljagd gegangen, habe sich dann aber über die Beute gestritten, und der Vogel (Assad) sei davon geflogen. Katar habe »vollständige Dokumente« über die Absprachen. Ziel des Angriffs sei ein gewaltsamer Regierungswechsel in Damaskus gewesen, so Scheich Hamad.

Der Angriff aus dem Ausland auf Syrien wird auch in einem Bericht des US-Geheimdienstes Nationale Sicherheitsagentur (NSA)aus dem Jahr 2013 bestätigt. Danach erteilte der saudische Geheimdienstler Prinz Salman bin Sultan den Milizen 2013 den Befehl, »Damaskus in Brand zu setzen«. Der Flughafen, militärische und Regierungseinrichtungen sollten in Flammen aufgehen. (theintercept.com/2017/10/24/syria-rebels-nsa-saudi-prince-assad) Die Autorin war in Damaskus, als der Plan im Juli 2013 umgesetzt wurde, die Regierung allerdings nicht zu Fall brachte.

Die Veröffentlichungen beweisen, dass Syrien in diesem Krieg vom Ausland her angegriffen wurde und wird, was einen Bruch des Völkerrechts darstellt. Mit eingebunden in diese Politik ist auch die Bundesregierung, die seit 2011 militärisch, wirtschaftlich und politisch ihren Partnern in Washington, Türkei, Riad und Doha folgt.

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