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Der erste Sündenfall der Bolschewiki?

Peter Priskil veröffentlichte zeitgenössische Texte zum Matrosenaufstand von Kronstadt

  • Von Alexander Bahar
  • Lesedauer: 4 Min.

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Im Februar/März 1921 revoltierten Matrosen und Soldaten der vor Petrograd auf der Insel Kotlin im Golf von Finnland gelegenen Marinefestung Kronstadt gegen die bolschewistische Regierung in Moskau. Die Niederschlagung der Revolte durch die Rote Armee gilt vielen Historikern als der erste Sündenfall der Kommunisten und Meilenstein auf dem Weg in den Stalinismus. Eine Interpretation, die der Realität nicht standhält, wie der Historiker Peter Priskil belegen will - mit Texten von W. I. Lenin, L. D. Trotzki, Felix Dserschinski und John G. Wright.

»Kronstadt steht exemplarisch für das extrem knappe Überleben des ersten und einzigen Arbeiterstaates, der unter Aufbietung der letzten Kräfte und dank der entschlossenen, klarsichtigen Führung von Lenin und Trotzki alle imperialistischen Aggressionen zurückgeschlagen hat und dann, ausgeblutet und zu Tode erschöpft, diesen vorläufig letzten, nun aber ›von innen‹ kommenden Putschversuch abzuwehren vermochte«, schreibt Priskil. Es habe sich um einen Umsturzversuch durch »Revolutionsfeinde unter linker Camouflage« zur Wiederherstellung des Kapitalismus gehandelt.

Am Ende von Bürgerkrieg und ausländischer Intervention war die wirtschaftliche Lage katastrophal. Große Teile der Bevölkerung litten Hunger, Epidemien grassierten. Den Bolschewiki drohte durch die Beibehaltung dieses Kriegskommunismus der Verlust des Rückhalts in der Bevölkerung. Am 22. Januar 1921 kürzte die Regierung die Brotration um ein Drittel, was heftige Proteste auslöste. Am 23. Februar 1921 streikten 10 000 Sozialrevolutionäre und Menschewiki in Moskau. Am 24. griffen die Unruhen auf Petrograd über. Das Petrograder Verteidigungskomitee unter Grigori Sinowjew verhängte daraufhin am 26. Februar das Kriegsrecht. Auch Einheiten der 16 000 Mann zählenden Besatzung von Kronstadt sympathisierten mit den Streikenden. Während der Oktoberrevolution hatten die Matrosen und Soldaten der Festung den Bolschewiki in Petrograd den Rücken freigehalten, im Bürgerkrieg gegen die Weißen und deren westliche Alliierten gekämpft. Nachdem aber der größte Teil der Kronstädter an die verschiedensten Frontabschnitte abkommandiert worden war, veränderte sich deren Zusammensetzung stark. Sie bestand nun überwiegend aus den Bolschewiki feindlich gesinnten Ukrainern, Letten und Esten mit kleinbürgerlich-bäuerlichem Hintergrund.

Matrosen zweier in Kronstadt stationierter Kriegsschiffe verabschiedeten am 28. Februar eine Resolution, die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, die Beendigung der Konfiszierung von Lebensmitteln, volle Aktionsfreiheit der Bauern auf dem Lande, »Alle Macht den Sowjets« und Brechung der Dominanz der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) forderten. Nach gescheiterten Friedensverhandlungen und dem Ablauf eines Ultimatums wurde die Rote Armee über das Eis geschickt, um den Aufstand niederzuschlagen, was im zweiten Anlauf gelang. Laut der Sowjetregierung waren die Drahtzieher und Organisatoren des Aufstands Agenten einer »weißen Verschwörung«, angeleitet von konterrevolutionären russischen Emigranten und ausländischen Unterstützern. Tatsächlich gehörten der Kronstädter Zentrale der ehemalige Generalmajor der kaiserlich-russischen Armee Alexander Koslowski sowie andere ehemals zaristische Offiziere an. Lenin und Trotzki wiesen bereits während des Aufstands darauf hin, so John G. Wright, »daß die Parole ›Freie Sowjets‹ ... im Grundsatz und seinem Wesen nach die Abschaffung der proletarischen Diktatur bedeutet«. Das verstand niemand besser als einer der eingeschworensten Feinde der Sowjetmacht und klügste Führer der Konterrevolution: Pawel Nikolajewitsch Miljukow, Vorsitzender der großbürgerlichen Konstitutionell-Demokratischen Partei (Kadetten) und nach der Februarrevolution 1917 kurzzeitig Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Provisorischen Regierung. Am 11. März 1921 kommentierte er: »Nieder mit den Bolschewiki. Lang leben die Sowjets! ... Wir haben viele gute Gründe, nicht gegen die Kronstädter Parole zu protestieren.« Gleiches traf auf die Menschewiki zu.

Der US-Historiker Paul Avrich, der 1970 ein umfassendes Buch zum Kronstädter Matrosenaufstand veröffentlichte, entdeckte im Archiv der Columbia University, in Unterlagen des »Russischen Nationalkomitees«, einer russischen Emigrantengruppe, ein streng geheimes Memorandum, das vor dem Aufruhr verfasst wurde. Darin wurden Bedingungen für den Erfolg des Aufstands in der Festung analysiert. Und dazu gehörten ausreichende Lebensmittelvorräte für die Besatzung der Festung, die darum die französische Regierung um Hilfe bat. Damit sei »die von Anfang an führende Rolle der russischen und internationalen Konterrevolution« bewiesen, so Priskil. Hätte die Regierung in Moskau »zwei oder drei Tage« länger mit der Niederschlagung des Aufstands gezögert, erklärte Leo Trotzki später, »die Baltische See wäre eisfrei gewesen, und die Schlachtschiffe der ausländischen Imperialisten hätten die Häfen von Kronstadt und Petrograd einnehmen können. Wenn wir dann gezwungen gewesen wären, Petrograd aufzugeben, hätte dies den Weg nach Moskau freigegeben ... So war die Lage.«

Die Niederschlagung der Kronstädter Revolte als ein brutaler Akt wurde im Westen auch zum Narrativ unter Linken. Auch gegen sie polemisiert Priskil in seinem Buch.

Peter Priskil (Hg.): Kronstadt. Texte von Lenin, Trotzki u. a. Ahriman-Verlag, 220 S., br., 9,80 €.

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