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Warum greift das türkische Regime Akademiker an?

Yücel Özdemir über verfolgte Wissenschaftler im Exil, die Gründung der »Off-University« und intellektuellen Widerstand von Istanbul bis Urfa

  • Von Yücel Özdemir
  • Lesedauer: 3 Min.

Das autoritäre türkische Regime geht gerichtlich gegen Akademiker vor, die sich für eine friedliche Lösung der kurdischen Frage einsetzen und für die Unterzeichnung des Appells »Academics for peace« aus den Universitäten entlassen wurden. Auch diejenigen von ihnen, die nach Deutschland gegangen sind, werden eingeschüchtert; das Regime lässt sie nicht in Ruhe. Warum? Weil sowohl die Geflohenen wie auch die in der Türkei Gebliebenen versuchen, sich Gehör zu verschaffen, ihre akademische Tätigkeit fortzusetzen und zu kämpfen.

Die Tore deutscher Universitäten haben für fast 100 dieser angeklagten türkischen Wissenschaftler geöffnet. Sie haben sich als Verein organisiert, sind dabei aber nicht stehen geblieben, sondern haben eine eigene Online-Uni mit Namen »Off-University« gegründet. Am 7. Oktober in Berlin eröffneten Akademiker, die den Friedensappell unterzeichnet hatten, diese Online-Uni mit einer Videokonferenz. Das Angebot ist kostenlos.

Tuba İnal Çekiç, eine der GründerInnen der »Off-University«, fasst die Ziele so zusammen: »Manche von uns sind auf der Flucht, andere im eigenen Land gefangen. Was tun wir also? Wir besitzen Technologie, die es uns ermöglicht, Grenzen zu überwinden. So stehen Menschen in Kontakt miteinander, auch wenn sie physisch getrennt sind.«

Die Wahl des Gründungsdatums der »Off-University«, des 7. Oktobers, ist natürlich kein Zufall. Das neue Uni-Semester begann in der Türkei an diesem Tag. Wären die »Friedensakademiker« nicht entlassen worden, hätten sie an diesem Tag mit ihren Studenten das neue Semester eingeläutet.

Vergangene Woche besuchte ich in Hannover eine Veranstaltung zur »Pressefreiheit in der Türkei« zusammen mit Prof. Dr. Esra Arsan, die ihren Posten an der Istanbuler Bilgi-Universität räumen musste und die beim Anblick der Zuhörer sagte: »Ich kann euch nicht sagen, wie sehr ich dieses Bild vermisse.«

Innerhalb eines Jahres wurden in der Türkei insgesamt 5195 Akademiker aus 115 Universitäten suspendiert. Einem Großteil davon wurden Verbindungen zur Gülen-Bewegung vorgeworfen. Sie haben sich ohne Prostest zurückgezogen und ihr Schicksal akzeptiert.

Aber: Linke, sozialistische, fortschrittliche und demokratisch orientierte Wissenschaftler haben statt zu schweigen eine neue Tradition begründet. Zunächst riefen sie »Solidaritätsakademien« außerhalb der Universitäten ins Leben. Die »Off-University« ist quasi eine Fortsetzung davon. Bis heute wurden insgesamt zwölf dieser »Solidaritätsakademien« in verschiedenen Städten von Istanbul bis Urfa aufgebaut. Bekannte fortschrittliche Lehrende unterrichten jetzt außerhalb der Hochschulen, in Gewerkschaftsräumen oder anderswo. Der Unterricht wird von Menschen jeden Alters besucht. Arbeiter, junge Menschen, Frauen oder Aktivisten demokratischer Nichtregierungsorganisationen, die es sich nicht leisten können, auf die Hochschule zu gehen, finden in den Klassenzimmern als Studierende Aufnahme. So haben sich die »Solidaritätsakademien« zu einer Art öffentlicher Universitäten entwickelt. Es gibt keine Hierarchien, keine Hausaufgaben oder Abschlussarbeiten.

Den Zumutungen, die ihnen das Regime auferlegt, zum Trotz zeigen die Mitstreiter dieser Akademien, dass die Opposition nicht hilflos sein muss; sie sind Gewissen und Aufklärung der Türkei. Und sie zeigen, dass viele Akademiker nicht die Absicht haben, ihre Pflichten gegenüber der Gesellschaft einfach aufzugeben, sondern ihr Wissen weiterhin auch mit denen teilen, die nicht zur Universität gehen können. Diese »andere Türkei« ist eine Quelle der Hoffnung für alle, die sich nach Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden sehnen. Und hier liegt der Grund für die Drohungen und Maßnahmen des Regimes gegen die Wissenschaftler: Es ist Verzweiflung angesichts des Widerstandes, der sich an dieser Front formiert.

Aus dem Türkischen von Nelli Tügel

Die etwas längere Textfassung auf Türkisch ist hier zu lesen.

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