Werbung

Der längste Friedhof der Welt

Spurensuche in der Vergangenheit: Am Wochenende ist das Dokumentarfilmfestival Leipzig zu Ende gegangen

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das diesjährige Leipziger Dokumentarfilmfestival präsentierte wie so oft in den letzten Jahren ein extrem breit gefächertes Panorama voller Filmbilder aus aller Welt. Im Mittelpunkt standen Filme über die aus den aktuellen Nachrichten bekannten Krisenherde. Aus den Kriegsgebieten selbst waren offenbar keine festivaltauglichen Filme zu bekommen. Zu sehen waren auch viele Filme über Außenseiter der Gesellschaft, Behinderte, Waisen, Häftlinge, Streuner, jeder eine Menschengeschichte für sich. Und noch immer hat jeder der Dokfilmer die Würde und Menschlichkeit seiner Protagonisten gewahrt. In dieser Arbeitshaltung des Respekts vor dem anderen bleibt sich Leipzig - wie eh und je - treu, auch in diesem Jubiläumsjahrgang.

Durch alle Programmfelder zog sich ein bemerkenswertes Charakteristikum: Alle Schicksalswege und alle Biografien, so einzigartig und unverwechselbar sie auch sein mögen, erkunden ihre Herkunft. Sie versuchen herauszubekommen, woher sie kommen, wie sie zu dem geworden sind, der sie heute sind. Sie befragen das Biografische als Lebensmotor. Das ist ein intellektuell-dramaturgischer Ansatz, der filmisch auf vielgestaltige Weise daherkommt und Landschaften, Heimat, Ahnen und Legenden, auch Geheimnisse einschließt.

Der rumänische Film »Licu, a Romanian Story!«, der als bester internationaler Beitrag in der Kategorie langer Dokumentarfilm den Hauptpreis, die mit 10 000 Euro Goldene Taube, erhielt, lebt von der melancholischen Gelassenheit, mit der der 92-jährige Protagonist sein Leben ausbreitet - mit allen Höhen und Tiefen eines einfachen und doch reichen Lebens in Rumänien. Die gelebte Altersweisheit wird von der Präsenz des Alten getragen und ist nicht ohne hintersinnigen Witz (Regie: Ana Dumitrescu). Stanislaw Mucha drehte mit »Kolyma - Straße der Knochen« ein Road Movie: Er fährt eine endlose Chaussee in Richtung Jakutsk - immerzu auf den Spuren des seinerzeit größten Gulags der Sowjetunion - und befragt Anwohner nach dieser Vergangenheit. Ein Mädchen in einer Imbissbude am Straßenrand missversteht ihn und verwechselt »Gulag« mit »Gulasch«, der Hörfehler offenbart eine Geschichtsvergessenheit der besonderen Art. Die Alten hingegen haben sehr wohl andere Erinnerungen an ihre Zeiten in diesem längsten Friedhof der Welt, wiewohl sie auch damit umgehen müssen: verdrängen ja, vergessen nie. Die sprichwörtliche russische Seele trägt sie mit Überlebenswitz und viel Gesang durch die Härten ihres Lebens. Gabriele Voss und Christoph Hübner fügen in »Nachlaß« strenge Selbstauskünfte von Nachgeborenen zusammen: Ihre Väter waren hohe SS-Funktionäre, und sie müssen mit diesem Erbe zurechtkommen. Einer variiert den Filmtitel »Nachlaß«: lass’ nach! - als Forderung an sich selbst und als Überlebenshilfe. Er will nachlassen - aber wie? Der Film ist streng geschnitten. Ohne Kommentar setzt er die Aussagen so ineinander, dass die Protagonisten, ohne sich zu begegnen, sich jeweils gegenseitig ergänzen und weiterdenken. Das stärkt die Aussagekraft. Ein Seitenblick auf die Stolperstein-Initiativen und die Wahrheitskommissionen in Südafrika assoziiert, wie die Nachkommen mit Schuld und Scham leben. Vätersuche als Täterforschung, Erinnerungskultur bleibt immer auch mit individuellem Wollen und Bereitschaft verbunden. »Über Leben in Demmin« (Martin Farkas) setzt einen Massensuizid 1945 in Demmin ins verstörende Verhältnis zu den jährlichen Trauermärschen rechter Gruppen, zu indifferenten Mitbürgern und wenigen Gegendemonstranten. In »Lembri Uudu« (Eeva Mägi, nach einer estnischen Legende) kehrt ein Verstorbener in sein gottverlassenes Dorf zurück und besucht Überlebende. In seltsam verrätseltem, nebligem Schwarzweiß wird die Erinnerung »an früher« durch Ruinengebäude des sowjetischen Kolchos ins Bild gesetzt. »Secret Nest« (Sophie Bredier) konfrontiert alte Damen mit einem vollkommen leeren prächtigen Schloss in der Normandie und ergründet dessen Vergangenheit als Ort »geheimer Mutterschaften«. Auch »Kommandanten - Vorsitzende - Generalsekretäre«, eine achtteilige Retrospektive zum Oktoberrevolutionsjubiläum über höchste Parteiführer, und die Matinee über den DEFA-Dokumentarfilmer Karl Gass fügten sich in diese Spurensuchen im Vergangenen gut ein.

Die meisten Auszeichnungen des Festivals erhielt der Film »Wildes Herz« von Charly Hübner und Sebastian Schultz über die norddeutsche Punkband Feine Sahne Fischfilet und deren Engagement gegen Rechts. Der Film kommt im April 2018 in die deutschen Kinos.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen