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Bergners Bunker Bibel

UNTERGRÜNDIGES ZUM KALTEN KRIEG

Er ist ein Verrückter. Paul Bergner möge und wird mir verzeihen. Er kriecht in jedes noch halbwegs bekriechbare Betonloch, um herauszufinden, wozu es wem diente, wie es konstruiert, errichtet und wann es warum verschüttet wurde. Letzteres ist wohl das Entscheidende, denn aus dem Kalten Krieg wurde kein alles verschlingender heißer, dem auch die diversen Schutzbauten hätten nicht widerstehen können.
Wie Bergner, der mit Strafrente belegte Ex-Offizier, zu dieser Verrücktheit kam? Auf geradezu skurrile Art: 1990 baute er mit anderen im Stabsbunker der Wandlitzer SED-Politbüro-Siedlung eine Champignonzucht auf. Welch sinnreicher Neubeginn!
Bergner ist in der wahrlich nicht so kleinen deutschen »Bunker-Szene« hoch geschätzt - ob seiner Beharrlichkeit und Akribie, man erwartet von ihm weder Nostalgie noch verkaufsträchtige Mainstream-Darstellungen. Das belegt auch sein Buch, das Insider bereits als »Bunker-Bibel« bezeichnen. Gründlich, nahezu lückenlos, listet der Autor die diversen Schutzbauten auf dem Territorium der DDR auf; die der NVA-Führung und ihrer Teilstreitkräfte, die der Staatssicherheit, des Innenministeriums, der staatlichen und Massenorganisationen - bis hin zum Bunker des Ministers für Post- und Fernmeldewesen, einem CDU-Mann.
Selbst für einst Eingeweihte dürfte interessant sein, was Bunker-Bergner über die Schutzbauten der Sowjetarmee zusammengetragen hat. Dabei bietet der Autor einen facettenreichen Einblick in die Militärdoktrin Moskaus wie die des Warschauer Vertrages. In diesem Kontext sind vor allem Passagen interessant, die sich mit der Herbeischaffung, der Stationierung und dem Abtransport sowjetischer Massenvernichtungswaffen befassen. Besondere Bedeutung kommt da jenen Erkenntnissen zu, die sich um die im Ernstfall mögliche Weitergabe von sowjetischen Atomwaffen an NVA-Raketenbrigaden ranken. Da hat Bergner einiges zu bieten, das der bisherigen Geschichtsschreibung Objektivität verleihen kann.
Quasi der Vollständigkeit halber hat er ein Kapitel über die wichtigsten Bunker der Gegenseite angefügt.
Kein Zweifel, dass sich zu manchen Rechercheergebnissen Widerspruch regt. Doch wer Bergner kennt, weiß, dass er darüber keineswegs betrübt sein wird. Denn noch zu selten »packen« ehemalige verantwortliche Teilnehmer des Kalten Krieges aus. Im Osten wie im Westen. Weshalb man auch noch fast zwei Jahrzehnte nach der sogenannten Wende oft genug feststellen muss, dass die größten Schlagzeilen geschichtsbestimmend sind.
Solche Schlagzeilen haben Bergner und alle, die ihm halfen, nicht nötig.

Paul Bergner: Atombunker, Kalter Krieg, Programm Delfin. Heinrich Jung Verlagsgesellschaft. 896 S.,  geb., 39,80 EUR. 

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