Werbung

»Solange es Herren und Sklaven gibt ...«

Die Jenaer Ausstellung »Die Zeit ist aus den Fugen« und ihr literarisches Begleitprogramm untersuchen die Aktualität von Heiner Müller

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Am Anfang war das Wort. Der Schauspieler Leander Gerdes liest Heiner Müllers »Hamletmaschine« von 1977 - und er liest anders als seine berühmten Vorgänger. Gerdes ist Hamlet, der mordet, schändet und sein Gehirn wie einen Buckel auf dem Rücken trägt. Er verabscheut sich zutiefst als Kreatur, der nicht über den Weg zu trauen ist: »Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger - Fleisch und Fleisch gesellt sich gern - an die umstehenden Elendsgestalten.«

Müllers archaischer Text, der radikal mit politischen Gewissheiten abrechnet, befragt die Situation der Intellektuellen in der DDR der 1970er Jahre. Seine erstaunliche Aktualität ist der Ausgangspunkt der Exposition »Die Zeit ist aus den Fugen. Müller / Hamlet / Maschine«, die derzeit in der Jenaer Villa Rosenthal zu sehen ist. In Thüringen lebende Maler, Bildhauer und Grafiker wurden eingeladen, sich ohne Beschränkungen damit auseinanderzusetzen. Dramaturg Ralf Schönfelder, der zusammen mit Andreas Berner, dem Vorsitzenden des Vereins Lese-Zeichen, die Veranstaltungsreihe konzipiert hat, war überzeugt, dass das Stück eine starke Wirkung entfaltet und junge Menschen, die Müller nicht aus dem Theater kennen, tief beeindruckt: »Müller sieht man heute mit neuen Augen. Die Texte werden anders wahrgenommen.«

Weiße Fäuste aus Porzellan, in Reihe nebeneinander aufgestellt - sie sind nur noch Symbol für eine Bewegung. Die Installationskünstlerin Cosima Göpfert reduziert das politische Programm auf die bloße Geste. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel, den eine kampfbereite Arbeiterklasse erzwingen wollte, hat eine starre Form angenommen. Veränderung ist nicht mehr möglich. Ingesamt neun Künstler haben sich mit der »Hamletmaschine« auseinandergesetzt, darunter Gernot Ehrsam, Michael Ernst und Ana Maria Valljo.

Mit drei Arbeiten ist Martin Neubert, Professor für Keramik an der Burg in Halle, vertreten. Bei der Plastik »Vater und Sohn« sind die beiden Köpfe untrennbar miteinander verschmolzen. Des einen Entschlossenheit ist des anderen Schicksal, was zwangsläufig ins Verderben führt. Die berühmte Frage: »Sein oder nicht sein«, die Shakespeare seinen Hamlet im gleichnamigen Stück sagen lässt, ist dem Werk eingeschrieben. Die Erschütterung kommt von Innen, sie zerreißt die glatte Oberfläche. Zugleich spielt »Vater und Sohn« auf die Ikonografie der Friedhofszene an, den Monolog, den Hamlet mit dem ausgegrabenen Schädel führt. Bei der Arbeit »Gewinner« ist die Zerrissenheit noch gesteigert. Der Held ist völlig deformiert. Einsam thront er auf einem Kasten, der nach dem Öffnen freigibt, was ihn in dieser Position hält: ein hervorspringendes Messer, darunter Leichenteile, Reste von Schändungen.

»Wir haben etwas gewagt und hatten Vertrauen, dass es gelingt«, sagt der Projektverantwortliche Ralf Schönfelder. Die große Resonanz zum Auftakt spricht für sich. In den nächsten Monaten erwartet das Publikum ein anspruchsvolles Begleitprogramm. Den Anfang macht am 8. November um 19.30 Uhr ein Gesprächsabend unter dem Müller-Zitat »Für alle reicht es nicht. Texte zum Kapitalismus« mit dem Kapitalismusexperten Klaus Dörre und einer der Herausgeberinnen des gleichnamigen Buches. Dass zu der erst in diesem Jahr erschienenen Textsammlung bereits eine weitere Auflage erschienen ist, macht die Brisanz des Themas deutlich. Viele der Müllerschen Analysen erweisen sich als prophetisch, wie seine Aussagen über die Dritte Welt, die sich in Bewegung setzen wird, um an unserem Wohlstand teilhaben zu können: »Solange es Herren und Sklaven gibt, sind wir aus unserem Auftrag nicht entlassen.«

Am 22. November wird mit »Die Zeit ist aus den Fugen« eine Filmdokumentation zu Müllers Hamlet- Inszenierung am Deutschen Theater gezeigt. Während der Proben im Herbst 1989 verschwand die DDR. Weitere Abende mit B.K. Tragelehn widmen sich unter anderem der Theateraffäre um Müllers Stück »Die Umsiedlerin«.

Die Exposition »Die Zeit ist aus den Fugen. Müller / Hamlet / Maschine« läuft bis zum 17. Januar in der Villa Rosenthal in Jena. Alle Veranstaltungen unter: www.villa-rosenthal-jena.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen