Kulturwandel im Lebensstil

»People's Climate Summit« diskutiert soziale Folgen des Klimawandels

  • Von Eva Mahnke und Jörg Staude, Bonn
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Problem hat die alternative Klimapolitik mit der staatlichen gemeinsam: Die Ursachen des Klimawandels und seine sozialen Folgen sind den Aktivisten klar - Änderungen oder gar ein Schwenk in Richtung Ökologie und Klimagerechtigkeit sind aber nicht in Sicht. Wollen die Menschen nicht oder können sie einfach nicht anders? An der Gretchenfrage entzünden sich beim Alternativgipfel »People’s Climate Summit« die Debatten.

Magdalena Heuwieser von der österreichischen Nichtregierungsorganisation mit dem programmatischen Namen »System Change, not Climate Change« sieht die Wurzel des Klimakrise nicht allein im Einsatz fossiler Energien oder in der Macht der Konzerne, sondern in »unserer imperialen Lebensweise, unserer Art zu konsumieren«, wie sie bei einer Veranstaltung am Sonntagabend sagte.

Entsprechend fordert Heuwieser einen Kulturwandel in den Köpfen, im Alltag. »Wir müssen an die Flughäfen, die Autobahnen und die Supermärkte heran«, zählte sie die Attribute der westlichen Lebensweise auf. Christiane Kliemann vom Netzwerk Transition Town Bonn pflichtete Heuwieser bei: »Der Lebensstil, an den wir gewöhnt sind, muss zu Ende gehen.«

Heuwieser, Kliemann und anderen Aktivisten ist dabei klar, dass bei allem Visionären die »Entwöhnung« von der westlichen Lebensweise nur schrittweise gehen kann. Zum einem brauche man Ungeduld. Es komme gar nicht darauf an, wo und wie man sich engagiere, sagte sie, wenn es denn überhaupt in Richtung Gerechtigkeit, Ökologie und Nachhaltigkeit gehe. Zugleich müsse sich die Bewegung aber auch in Geduld üben, so Kliemann, weil sich Menschen nicht von heute auf morgen änderten.

Eine weitere zentrale Frage: Wie kann der Widerstand gegen den Kohleausstieg überwunden werden? Ein Ansatz ist das Konzept der »Just Transition«, das eine sozial gerechte Transformation des Kohlesektors zum Ziel hat. »Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeiter in diesen Prozess einbezogen werden«, sagte Gewerkschafter Sean Sweeney von den Trade Unions for Energy Democracy (TUED) auf dem samstäglichen Abendpodium mit dem Titel »Das fossile Zeitalter beenden«. Nicht nur in der Kohleindustrie, sondern in allen Branchen dürften Beschäftigte nicht länger gezwungen sein, sich zwischen einer guten und abgesicherten Arbeit und einer Tätigkeit ohne Umweltzerstörung und Klimawandel zu entscheiden, forderte Sweeney. »Auch die meisten Gewerkschaftsmitglieder wollen eine saubere Umwelt.« Deutlich wurde aber auch: Solange die Perspektive der Arbeiter darin besteht, im Amazon-Logistikcenter zu arbeiten, wird es schwer für die Klimabewegung, sie für ihre Sache zu gewinnen.

Kritisiert wurde auch die zunehmende Hinwendung zu »negativen Emissionen«. Das sind Großtechnologien, die das Kohlendioxid wieder aus der Luft holen sollen - etwa durch Anpflanzen agrarindustrieller Baumplantagen, bei denen das gewachsene Holz verbrannt und das darin gespeicherte CO2 abgeschieden und im Untergrund gespeichert werden soll - die sogenannte BECCS-Technologie.

»Einige Szenarien des Weltklimarates liegen nur deshalb noch innerhalb des Zwei-Grad-Limits, weil sie diese riskante und extrem unsichere Technologie einbeziehen«, kritisierte Anderson. »Dafür bräuchten wir aber gigantische Agrarflächen und würden die Vertreibungen, Menschenrechtsverletzungen und Nahrungsmittelkrisen weiter verschärfen.« Wenn BECCS nicht funktioniere, führe das direkt in die Klimakatastrophe. »Wir dürfen uns nicht auf solche magischen Technologien verlassen«, warnte Anderson.

Was den sozialen Wandel betrifft, so fiel bei der Veranstaltung am Sonntag auffallend oft der eher aus linksalternativen Kreisen bekannte Begriff eines »guten Lebens«. Der Abschied aus der heutigen Konsumgesellschaft müsse nicht unbedingt als etwas »Schlechtes« gesehen werden, hieß es. Die Leute könnten dadurch auch gewinnen, zum Beispiel mehr Zeit und weniger Zwänge. Das »gute Leben« hat auch eine moralische Komponente, worauf Magdalena Heuwieser aufmerksam machte: Könne man überhaupt von einem guten Leben für alle sprechen, solange dieses auf Kosten anderer Menschen gehe?

Erfrischend jedenfalls wirkte das Bestreben, die Praxis über fruchtlose Zukunftsdebatten zu stellen. Heuwiesers Organisation will beispielsweise den 15. September künftig zum autofreien Sonntag für Wien erklären, damit die Leute wieder erfahren könnten, wie sich eine Stadt ohne Autolärm und Abgase anfühlt. Man wolle, sagte die Aktivistin, dass Kinder wieder auf der Straße spielen und man mit offenen Fenstern schlafen könne - also ein positives Lebensgefühl schaffen. Und an einem solchen Tag, so ist hinzuzufügen, werden auch jede Menge Emissionen gespart.

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