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Hölderlin lässt grüßen

Denkmal in Nürtingen

Friedrich Hölderlin stand lebenslang im Schatten seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller, und er steht dort bis heute. Er rang verzweifelt um Anerkennung als Dichter und lebte in ständiger Furcht vor dem Konsistorium, denn sein Studium verpflichtete ihn zum Pfarrer, der er nicht sein wollte. Dichter wollte er sein. Goethe nannte ihn »Herr Hölterlein« und riet ihm zu kleinen Gedichten. Auch Schiller half nicht.

Nachdem sein Roman »Hyperion« erschienen war, ging Hölderlin nach Frankreich und in die Schweiz als Hauslehrer. »Sie können mich nicht brauchen. Und wozu Dichter in dürftiger Zeit?«, schrieb er. Seine Trauer um die verlorene Revolution 1786, der Tod seiner Geliebten Susette Gontard 1802 und die ständige Existenznot ließen ihn verzweifeln. Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit führten zur geistigen Verstörung, die ihn pflegebedürftig machte, bis zu seinem Tod 1845 im Turmzimmer in Tübingen.

Hölderlin lebte seit seinem vierten Lebensjahr in Nürtingen. Hier schrieb er seine schönsten Gedichte und Oden, auch seinen »Hyperion«-Roman und Übersetzungen aus dem Griechischen. Seine schwäbische Heimat hat er in herrlichen Versen besungen. Dort war das Haus der Mutter, dorthin zog es ihn immer wieder, wenn er in Not war. Der DEFA-Spielfilm »Hälfte des Lebens« von 1985 (Regie: Herrmann Zschoche), zu dem ich das Szenario schrieb, schildert die schicksalhaften zehn Jahre vor seinem Zusammenbruch. Die Hauptrollen spielten Ulrich Mühe als Hölderlin und Jenny Gröllmann als Susette Gontard. Für diesen Film bekamen wir 2014 den Hölderlin-Ring des Hölderlin-Vereins Nürtingen, 25 Jahre nach der deutschen Einheit. Der kompakte Silberring mit Hölderlins Porträt und im Reif dem eingravierten Schriftzug »Was bleibt, stiften die Dichter« machte uns glücklich und stolz, sahen wir doch darin ein Zeichen der Anerkennung und Achtung unserer künstlerischen Arbeit in der DDR und der echten deutsch-deutschen Vereinigung.

Damals in Nürtingen fragte ich nach einem Hölderlin-Denkmal. Ich wusste, dass es keines gab, weil Nürtingen als Hölderlin-Ort immer im Schatten von Tübingen steht. Aber ich schrieb dem Oberbürgermeister einen Brief, in dem ich ihm mitteilte, dass ich mein Lese-Honorar dem Nürtinger Hölderlin-Verein gespendet habe, als Grundstock für ein Denkmal, und machte auf den 250. Geburtstag im Jahr 2020 aufmerksam. Die Vorsitzende des Vereins, Ingrid Dolde, nahm diesen Gedanken sehr ernst und brachte die Großtat fertig, innerhalb von zweieinhalb Jahren das Geld für das Denkmal zu beschaffen. Immerhin 500 Euro steuerte unsere »Ostfraktion« bei. Die Stadt Nürtingen spendierte den Sockel und den provisorischen Platz am Steinachdreieck. Schöpfer des Denkmals ist Waldemar Schröder.

Nun steht er da, ein überlebensgroßer bronzener Jüngling, edel von Gesicht und Gestalt, in einer Hand eine Papierrolle, die andere Hand winkt uns, den Nachgeborenen, zu. »Was bleibt, stiften die Dichter!« Ja, aber auch jene, die sich für die Dichter einsetzen. Bleibt zu hoffen, dass er bald vor dem Hölderlin-Haus steht und die geplante Aufstockung des Hauses verhindert werden kann.

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