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Malen ist Weltbewältigung

Die Hamburger Kunsthalle widmet der von den Nazis verfemten Anita Rée eine große Ausstellung

  • Von Radek Krolczyk
  • Lesedauer: 5 Min.

Von Anita Rée gibt es dieses bemerkenswerte Selbstporträt: Sie selbst schaut geradeaus, hellwach und voller Erwartung. Die Arme vor dem nackten Oberkörper verschränkt, die eine Hand an die Wange gelegt, ganz so, als sei ihr die Malerin, die ihr gegenübersteht, fremd. Dieses Bild, das Rée 1930, nur drei Jahre vor ihrem Suizid, fertigstellte, leuchtet in hellen Farben. Ein orangefarbener Körper vor einem gelblich-grünen Vorhang. Kaum ein anderes Bild der großen Retrospektive, die die Hamburger Kunsthalle derzeit für die 1885 ebenfalls in Hamburg geborene Künstlerin ausrichtet, kommt dem gleich. Viele erinnern in ihrem blässlichen Blau an Paul Cézanne, für den sich Rée begeisterte.

Rund 200 Arbeiten auf Papier und Leinwand sind zu sehen. Manche Flächen auf der Leinwand wirken durch den Farbauftrag so massiv, dass man denken könnte, das Bild sei auf einer Holzplatte gemalt worden. Das ist der Einfluss alter Ikonenmalerei. Leichte Abschürfungen finden sich im Gesicht, um die Nase und den Mund der sehr jung wirkenden 45-jährigen Frau. Diese Fremdheit, mit der sich Anita Rée in diesem Bild selbst begegnet, prägt einen großen Teil ihres Werkes - die Bilder süditalienischer Landschaften ebenso wie die Porträts von Frauen und Kindern.

Anita Rée lebt von Anbeginn eine außergewöhnliche, widersprüchliche Identität. Sie wird als zweites Kind einer gutbürgerlichen Familie geboren. Die Glaubensrichtungen des jüdischen Vaters und der katholischen Mutter amalgamieren auf eine eigenartige, überraschende Weise zum Protestantismus. Die Mutter stammt aus Venezuela. Rée wird mit ihrem dunklen Teint und dem kohlschwarzen Haar im Hamburg der Jahrhundertwende auffällig gewesen sein.

Höchst ungewöhnlich für diese Zeit ist natürlich auch, dass sie als Frau die Möglichkeit hat, sich der Malerei zu widmen. Mit knapp 20 Jahren wird sie Schülerin des impressionistischen Malers Arthur Siebelist, der eine private Kunstschule unterhält. Rée gehört seit den 1910er Jahren zum Umfeld Gustav Paulis, des damaligen Direktors der Hamburger Kunsthalle. Durch ihre gesellschaftliche Stellung kommen immer wieder Ankäufe der Kunsthalle zustande. Sie wird ins Programm der Hamburger »Galerie Commeter« aufgenommen, ihre Arbeiten werden vom Hamburger Bürgertum gesammelt. Klasse bleibt eben auch in der Geschichte der bildenden Kunst eine nicht zu unterschätzende Kategorie.

Zu Rées frühesten Arbeiten gehört eine Serie, in der sie Kinder porträtiert. Diese wirken wie aus der Welt gefallen. Aus dem Jahr 1915 stammt eine Bleistiftzeichnung, die den Kopf eines Jungen zeigt. Mit seinen Händen hält er ihn, Augen und Mund hat er zusammengekniffen. »Wolfgang mit Zahnweh« heißt das Bild, und der Junge ähnelt in seinem bemitleidenswerten Zustand einer jungen Tänzerin, die Rée ein Jahr zuvor in hellen Aquarellfarben gemalt hat.

Ebenfalls in Aquarell malt sie 1915 den Kopf eines »Kranken Knaben«, im selben Jahr einen »Knaben mit blauen Augen«, dessen Augen zwar leuchten, der - mit dem zur Schulter gebeugten, fahlen Gesicht - jedoch auch nicht von Gesundheit gesegnet scheint. Ihr Interesse an diesen kranken Kindern lässt sich nicht genau bestimmen. Möglicherweise fasziniert sie ihre Seltsamkeit, die sie aus deren Situation mit etwas Farbe extrahiert.

Ebenfalls seltsam, allerdings durch Stärke und volle Farben entrückt, wirkt ein »Farbiges Mädchen«, dessen Gesicht sie 1917 mehrfach in kleinen Formaten malt. Eine positive Exotisierung. Die Titel wurden von der Hamburger Kunsthalle für die Ausstellung verändert. Rée selbst hat ihre Porträts als »Negermädchen« betitelt. Anzunehmen ist, dass Rée selbst sich in beide Richtungen aus der Welt gefallen fühlt - und dies in ihren Kinderbildern aufgreift.

1922 schließlich bricht sie in die Ferne auf. Ihr Ziel ist das kleine Städtchen Positano, an der Amalfiküste, unweit von Neapel gelegen. Sie bleibt dort für drei Jahre. Zahlreiche deutsche Intellektuelle und Künstler entdeckten in diesen Jahren den Süden Italiens, während die Einheimischen ihre Dörfer in Richtung des industrialisierten Nordens verließen.

Rée malt während der Zeit in Italien ihre Umgebung, Felsen und in den Bergen gelegene Ortschaften. Die Bilder sind flächig und glatt. Mit den Pinselstrichen verschwinden auch die Übergänge zwischen den Steinen und Häusern. Die Landschaften erhalten so ihren phantastischen Charakter. Die Porträts, die sie von den Menschen dort malt, ähneln dem eingangs beschriebenen Selbstporträt.

Besonders die Porträts der Frauen erinnern an Paula Modersohn-Becker, deren Werke Rée verehrte. Die Frauen erscheinen in vollen Farben. »Terresina« sitzt vor großen Blättern, die in unterschiedlichen Grüntönen erstrahlen. In ihrem Schoß hält sie drei leuchtend gelbe Zitronen. Ein »Halbakt vor Feigenkaktus« ist fast skulptural, die Brüste des jungen Modells nehmen die Form der Früchte im Hintergrund auf.

Anita Rée hat nicht vorgehabt, nach Hamburg zurückzukehren. Sie hat es dann doch getan. Nach ihrer Rückkehr 1926 widmet sie sich Paradiesen, malt Phantasietiere auf Schränke und Wandbilder in Kirchen. Seit den 1930er Jahren macht ihr das Erstarken der Nazis zu schaffen. Den Antisemitismus bekommt sie auch im Umfeld der Hamburger Sezession, deren Mitglied sie ist, zu spüren. Sie zieht sich nach Sylt zurück und malt vornehmlich Landschaften und Tiere. Zum Ende des Jahres 1933 vergiftet sie sich mit Veronal.

»Anita Rée. Retrospektive«, bis zum 4. Februar in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, Hamburg

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