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Der »Soziopath« im Weißen Haus

Bekannte US-Psychiater lassen kein gutes Haar an Donald Trump

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 6 Min.

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Seit seinem Erscheinen Anfang Oktober ist der Sammelband »The Dangerous Case of Donald Trump: 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President« (Der gefährliche Fall des Donald Trump: 27 Psychiater und psychische Gesundheitsexperten schätzen den Präsidenten ein) ein Bestseller. Anfang November befand er sich an sechster Stelle auf der »New-York-Times«-Liste der meist verkauften Bücher in den Vereinigten Staaten. In dem bei »Macmillan USA« erschienenen Werk hat die Psychiaterin Bandy X. Lee von der Yale-Universität Aufsätze von Kolleginnen und Kollegen veröffentlicht, die Trump ein Krankenbild attestieren, das viele Amerikaner längst vermuteten: Der US-Präsident ist schlichtweg verrückt. Selbst hochrangige Abgeordnete und Senatoren, auch Parteifreunde von den Republikanern, haben unter vier Augen Begriffe wie »crazy«, »krank« oder »instabil« verwendet.

Die Herausgeber Judith Lewis Herman von der Harvard Medical School und Bandy X. Lee schreiben im Prolog, »dass jemand, der mental so instabil ist wie Donald Trump, nicht mit der über Leben und Tod entscheidenden Macht der Präsidentschaft ausgestattet sein sollte«. Die Begründungen dafür liefern sie im ersten Buchkapitel, das sich aus der Sicht mehrerer führender Psychologen und Psychiater mit dem Krankenbild befasst, allerdings Einschätzungen und Beurteilungen, die auf Ferndiagnosen beruhen. Denn keiner hat Trump untersucht.

Der ehemals in Boston tätige Psychiater Lance Dodes, der an der renommierten Harvard Medical School eine Professur inne hatte, wendet auf Trump den Begriff »Soziopath« an. Die Kriterien träfen zu: mangelndes Mitgefühl, mangelnde Reue, Lügen, Realitätsverlust, Wutanfälle. Die Geschichte der USA sei nicht arm an Präsidenten mit narzisstischen Prägungen, aber keiner habe so soziopathische Qualitäten aufzuweisen gehabt wie Trump - und sei deshalb auch nicht so gefährlich gewesen. Ein Staatschef wie Trump erhöhe die Kriegsgefahr, warnt Dodes in seinem Aufsatz. Wenn ihm Amtskollegen widersprechen oder sich verweigern, werte er das als persönlichen Angriff, was in ihm das Gefühl wachsen lasse, er müsse seine Feinde »zerstören«. Solcherart Regierungschefs hätten internationale Zwischenfälle provoziert, um sich mehr Macht zu verschaffen - mithilfe von Einschränkungen der Verfassung, der Verhängung des Notstands und der offenen Diskriminierung von Minderheiten.

Trumps Persönlichkeitszüge würden eine ernsthafte Gefahr für Amerikas Demokratie und Sicherheit darstellen, schließt Dodes pessimistisch: »Die Charakterzüge werden sich mit der Zeit verschlimmern, weil er sich entweder mehr Macht und Grandiosität verschaffen wird bei gleichzeitigem Realitätsverlust, oder weil er, mit mehr Kritik konfrontiert, noch mehr Paranoia, mehr Lügen und auf Wut basierende Zerstörung hervorbringen wird.«

In seiner Diagnose geht der Psychologe John Gartner, ehemaliger Professor an der John Hopkins Medical School in Baltimore, noch weiter. Er attestiert Trump »bösartigen Narzissmus«. Gemeint ist damit eine krankhafte Sonderform des Narzissmus, die über eine Persönlichkeitsstörung hinausgeht. Denn neben letzterer umfasst diese Form auch asoziales Verhalten, Sadismus und eine paranoide Haltung. Den Begriff hatte Erich Fromm in den 1960er Jahren eingeführt, um Hitler psychoanalytisch zu erklären. Gartner zieht eine deutliche Trennlinie zwischen dem »normalen« und dem »malignen« Narzissmus und schreibt: »Normaler und maligner Narzissmus haben ungefähr so viel gemeinsam wie ein gutartiger und bösartiger Tumor. Letzterer kommt viel seltener vor, ist mehr pathologisch und gefährlicher und meist auch tödlich. Der Unterschied ist der zwischen Leben und Tod.«

Ob Trump aus Mangel an Moral und aus Eigennutz über Leichen zu gehen bereit oder psychisch schwer gestört sei, beantwortet Gartner mit einem Bild. Ein Hund könne sowohl Flöhe wie auch Läuse haben. Genau das mache den unberechenbaren US-Präsidenten so gefährlich - die mögliche Kombination aus Gerissenheit und Geisteskrankheit. Der alarmierte Autor hatte schon vor Monaten eine Petition auf der Website »change.org« initiiert, in der die sofortige Entfernung Trumps aus dem Amt verlangt wird. 68 000 Menschen haben sie bisher unterzeichnet.

Das erste Kapitel weist allerdings auch Schwächen auf, etwa in dem Aufsatz des Psychologen Philip Zimbardo, einst Stanford University. Er beurteilt Trumps Entscheidung, nach dem Giftgas-Angriff im April 2017 auf Chan Scheichun in Syrien eine Militärbasis zu bombardieren, so, »dass Trump der gefährlichste Mann der Welt ist, ein mächtiger Führer einer starken Nation, der beim Anblick trauriger Szenen von Menschen, die vergast wurden, aus persönlicher oder der Qual eines Familienmitglieds heraus Raketen auf andere Länder abfeuern lässt«. Dass er beileibe nicht der erste US-Präsident war, der Raketen abfeuern ließ, lässt Zimbardo unerwähnt, ebenso wie den Ratschlag, den US-Militärs Trump vermutlich dazu gaben. Clinton, Bush und Obama - um nur drei Amtsvorgänger zu nennen - haben ganze Hochzeitsgesellschaften als »Kollateralschaden« ausgelöscht.

Das zweite Buchkapitel befasst sich dann mit dem Problem der umstrittenen öffentlichen Ferndiagnose. Denn die großen Psychiaterverbände sprechen seit Langem von unethischem Verhalten, wenn Ärzte ohne direkte Untersuchung von Patienten über eine Person eine psychiatrische oder psychologische Einschätzung abgeben. Vor gut einem Jahr hatten die »American Psychiatry Association« und die »American Psychological Association« - beide die weltweit größten Fachvereinigungen - die Einhaltung der sogenannten Goldwater-Regel angemahnt, die seit 1973 als wichtiger ethischer Standard gilt, und für die Schweigepflicht plädiert. Dagegen argumentiert das Buch mit Verve. Es gebe die »Pflicht zu warnen« und die psychiatrische Verantwortung, die Öffentlichkeit auf die Gefahr hinzuweisen, die Trump für die Sicherheit des Landes darstelle.

Eine Stärke des Buches ist das dritte Kapitel »The Trump Effect«. Darin geht es selbstkritisch um die Frage, ob nicht die US-Gesellschaft, die Trump zum Präsidenten wählte, krank ist. In einem herausragenden Essay vergleicht die Psychotherapeutin Harper West das Verhältnis zwischen Trump und seinen Gegnern mit dem eines gewalttätigen Ehemanns mit seiner missbrauchten Ehefrau. Die Frage lautet: Weshalb erfolgt kein radikaler Schlussstrich? Die Antwort: Das ist die Dynamik in einer kaputten, aber ungeschiedenen Ehe.

Das kurze Nachwort des Buches erscheint, da es mit Psychiatrie und Psychologie nichts zu tun hat, fehl am Platz und setzt vermutlich auf den Bekanntheitsgrad seines Autors, des weltberühmten Linguisten und radikalen Linken Noam Chomsky. Er warnt darin vor den Republikanern und vor Trumps Vorliebe für Buhmänner, um seine Fangemeinde bei der Stange zu halten. Chomsky schließt dabei nicht aus, dass die Trump-Regierung auch einen Terrorakt planen oder vorgeben könnte, um dem Land auf einen Schlag einen Rechtsschub zu verpassen.

Die Reaktionen auf den Sammelband sind trotz seiner Bestsellerposition verhalten. Neben mittellangen Rezensionen in »Washington Post«, »New York Times« und »Wall Street Journal« wurden ein paar kurze Interviews mit Buchautoren im US-Fernsehen ausgestrahlt. Aber große Aufmerksamkeit erzielt er in der veröffentlichten Meinung nicht. Denn allzu viel Neues ist ihm tatsächlich nicht zu entnehmen. Dass Trump irre ist, bestätigt er dem Publikum, abgesehen von seinen Fans, Tag für Tag wieder. Und um per Amtsenthebung aus dem Weißen Haus entfernt zu werden, dazu müsste er sich vorher freiwillig untersuchen lassen und von Fachärzten für psychisch ungeeignet erklärt werden.

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