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Auf der Überholspur

Provoziert von deutschen Erfolgen hat Englands Fußballverband seine Nachwuchsarbeit nachhaltig verbessert

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 5 Min.

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London ist vielfältig. London ist groß. Und in London wird viel großer Fußball gespielt. Nirgendwo sonst ist die Dichte an erstklassigen Vereinen größer als in dieser Stadt. Ziemlich weit draußen, aber gut erreichbar mit der Metropolitan Line der London Underground, befindet sich das Heiligtum. Das Wembley-Stadion, in dem gerade Tottenham Hotspur seine Heimpartien austrägt.

Ansonsten wird die legendäre Kathedrale nur zu besonderen Anlässen bespielt. Wie am Freitagabend zum Länderspiel England gegen Deutschland. Oder zum FA-Cup-Finale. Oder zu einem Champions-League-Endspiel. Letztmals war Wembley am 25. Mai 2013 der Schauplatz einer solchen Inszenierung. Ein Ereignis, das nicht nur für den Gewinn der Weltmeisterschaft der deutschen Nationalmannschaft ein Jahr später wegweisend sein sollte, sondern auch das englische Selbstverständnis als führende Fußballnation berührte.

Die pulsierende Metropole hatte damals die deutschen Vorzeigevereine Bayern München und Borussia Dortmund mit sehr offenen Armen empfangen. Aber in die höfliche Verbeugung mischte sich bereits die Frage: Was müssen wir tun, um ähnliche Erfolge zu schaffen? Auf Vereinsebene. Aber auch in der Verbandsarbeit. Einfach nur zusehen, wie deutsche Gäste hier ihre fußballerische Potenz demonstrieren, sollte England kein zweites Mal passieren.

Viereinhalb Jahre später ist tatsächlich viel geschehen. »England ist so stark wie seit Jahren nicht und verfügt über viele gute junge Spieler«, behauptet Bundestrainer Joachim Löw. »Der englische Fußball hat sich enorm weiterentwickelt, was nicht zuletzt die jüngsten internationalen Erfolge der Nachwuchsmannschaften beweisen.« In der Tat ist 2017 ein überaus erfolgreiches Jahr für den englischen Juniorenbereich. Die U17 drehte Ende Oktober einen 0:2-Rückstand im WM-Endspiel in Indien in ein 5:2 gegen Spanien. Damit hatten die »Young Lions« im Konfettiregen von Kalkutta bereits den dritten Titel eingeheimst: Erst im Juni hatte auch die U20 in Südkorea ihre Weltmeisterschaft gewonnen. Und zwischendrin die U19 in Georgien die EM.

»Es mag 21 Jahre her sein, dass die A-Nationalmannschaft letztmals das Halbfinale eines großen Turniers erreicht hat, aber auf allen anderen Ebenen stehen die Zeichen sehr gut«, stellte die BBC fest. Und die zum Fernsehstar mutierte Fußballikone Gary Lineker verkündete: »Wir haben eine neue goldene Generation.« Zumindest kommen junge Kicker zum Vorschein, die nicht dem gängigen Stereotyp vom »Kick-and-rush« entsprechen. Phil Foden (Manchester City) - als bester Akteur der U17-WM ausgezeichnet - oder Jadon Sancho (Borussia Dortmund) - nach der Vorrunde nach Deutschland zurückbeordert - bringen als 17-Jährige vieles von dem mit, was auch deutsche Spitzentalente seit einiger Zeit in die Waagschale werfen: Tempo und Technik, Spielwitz und Spielverständnis.

Der Quell sprudelt nicht von ungefähr. 2012 weihte die FA nicht nur das St. George’s Park National Football Centre als neues Kraftzentrum der englischen Nationalteams ein, sondern legte auch einen Elite Player Performance Plan (EPPP) auf, der nach deutschem Vorbild eine Professionalisierung des Jugendfußball beinhaltete, um »einen stärkeren Fokus auf Technik, Physis und Intensität« zu legen. Die Attraktivität der Premier League speist sich zwar weiterhin zumeist aus ausländischen Stars, doch abseits davon werden Regionalverbände und Klubs gefördert, um beispielsweise nach einem Bonussystem die Jugendarbeit durch alle Altersklassen zu verbessern. »Die Konzentration auf die Jugend war nie so intensiv«, versichert der Jugenddirektor der Premier League, Ged Roddy.

Ein Problem bleibt: Welcher Hoffnungsträger kommt wirklich oben an? Da immer acht Spieler eines 25er-Kaders in England ausgebildet sein müssen, hat bei den besten Klubs der Premier League zwar ein Wettbieten um die Stars von morgen eingesetzt, doch die werden von den vielen internationalen Trainern dann doch nur auf die Bank gesetzt oder Richtung Tribüne beordert. Das viele Geld, das als Entschädigung fließt, hat schon manch einen zu früh zu bequem werden lassen. Fabian Delph (18) von Manchester City ist solch ein abschreckendes Beispiel: vom Überflieger zur Randfigur. Auch Nationaltrainer Gareth Southgate hat noch etwas zu meckern: Dass die U17-Weltmeister bei der Siegerehrung ihre Trikots verkehrt herum anzogen - damit der Name und die Nummer vorne erschienen - passte ihm gar nicht: »Es geht darum, gemeinsam zu gewinnen und nicht, sich selbst herauszustellen.«

Und doch profitiert der ehemalige Nationalspieler kräftig von den Reformen, die auch starke Individualisten fördern. Als Southgate seinen Kader für die Leistungsvergleiche gegen Deutschland und Brasilien (14. November) präsentierte, tauchte darin ein halbes Dutzend Spieler auf, die 22 Jahre und jünger sind. »Wir wollen Spieler aus dem Segment U21 nicht zurückhalten - sie verdienen ihre Chance«, befand der 47-Jährige, der zuvor selbst die U21 verantwortete. Marcus Rashford und Luke Shaw (beide Manchester United), Raheem Sterling und John Stones (Manchester City), James Ward-Prowse (Southampton) und Dele Alli (Tottenham) heißen gleichzeitig die Hoffnungsträger für eine erfolgreiche WM 2018, auch wenn Shootingstar Alli die Spitzenspiele in diesem November verletzt absagen musste.

Löw hat die »Three Lions« auf jeden Fall auf der WM-Rechnung. Viele junge Spieler, eine starke Liga seien schon einmal gute Voraussetzungen, sagte der Bundestrainer. »Und wenn sie es einmal schaffen, als starke Mannschaft aufzutreten, gehören sie mit zu den Favoriten.« Am Tag vor dem deutschen 3:1-Sieg gegen Nordirland diktierte er deutschen wie britischen Reportern in Belfast in die Blöcke, die allerbesten Talente würden nicht mehr allein aus Deutschland kommen. »Frankreich, England und Italien bringen auch überragende Spieler heraus.« Dass das Mutterland des Fußballs in dieser Aufzählung wie selbstverständlich vorkam, dafür war das Endspiel 2013 von Wembley der letzte Antrieb, der finale Ansporn. Damals hatten manche ein Dortmunder und Münchner Fans symbolisch an prominenten Plätzen einen Liegestuhl aufgestellt und mit einem Handtuch belegt. Die Provokation hat London nicht vergessen.

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