Werbung

Wo ist jetzt eigentlich die Weltspitze?

Acht deutsche Gewichtheber werden zur WM fahren. Nach dem Dopingausschluss von neun Spitzennationen sind ihre Aussichten plötzlich viel besser geworden

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.

Gewichtheben bleibt Männersache in Deutschland, zumindest an der Spitze. Der Bundesverband Deutscher Gewichtheber nominierte im Anschluss an die Deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende seine WM-Mannschaft. Acht Heber werden Ende des Monats an die Westküste der USA nach Anaheim reisen dürfen. Gendern muss man diesen Satz nicht, denn eine Heberin aus Deutschland wird nicht im Anaheim Convention Center gleich gegenüber vom weltberühmten Disneyland Park antreten.

»Sabine Kusterer, die im letzten Jahr noch bei Olympia dabei war, mussten wir verletzungsbedingt leider aus dem Training nehmen«, sagte Bundestrainer David Kurch am Dienstag im nd-Gespräch. Die erst 21-jährige Tabea Tabel soll nach Bronze bei der Junioren-EM behutsam an die höheren Trainingsbelastungen und Gewichte der Seniorinnen herangeführt werden, »und ansonsten sieht es bei den Frauen leider momentan recht mau aus«, muss Kurch eingestehen. Hoffnung bereite ihm nur, dass zumindest im Seniorenbereich bei den Deutschen Meisterschaften in Speyer mehr Frauen als Männer an die Hanteln gegangen waren. »Ich hoffe, dass Gewichtheben in Deutschland so langsam einen weiblicheren Charakter bekommt. Aber wir haben in Speyer gesehen, dass wir in der Breite bei den Frauen nicht mit der Weltspitze mithalten können.«

Dabei ist derzeit nur schwer berechenbar, wo die Weltspitze überhaupt steht. Zum einen ist in einem nacholympischen Jahr immer viel im Fluss. Einige Stars der Szene hören auf, manche nehmen sich eine Auszeit, widmen sich der Ausbildung oder der Familienplanung. Zum anderen aber kommt 2017 erschwerend hinzu, dass der Weltverband im Zuge einer ungeheuren Vielzahl an positiven Nachtests von den Olympischen Spielen in Peking 2008 und London 2012 gleich neun Nationen für ein Jahr gesperrt hat. Sie alle waren mit mindestens drei Athleten bei den Dopingenthüllungen dabei, was im Gewichtheben fast automatisch zur Nationensperre führt.

Unter den verbannten Ländern sind nicht nur irgendwelche kleinen unbedeutenden Verbände, sondern meist jene, die den Sport im vergangenen Jahrzehnt dominiert haben: China beispielsweise oder Kasachstan, Türkei, Ukraine, Moldawien. »Bei neun gesperrten Nationen sind wir natürlich aussichtsreicher im Wettkampf«, hofft Kurch auf bessere Platzierungen als in der jüngeren Vergangenheit. »Gewichtheben wird aber überall auf der Welt betrieben, es gibt noch genügend andere Nationen, und wir müssen schon unser Topniveau auf die Bühne bringen, wenn wir etwas erreichen wollen.«

Nachwuchshoffnung Tabel gewann ihre EM-Medaille übrigens am 19. Oktober in Durres hinter einer überragenden Russin und einer Heberin aus Belarus. Die Neun-Nationen-Sperre trat erst einen Tag später in kraft - Russland und Belarus gehören auch dazu.

Eine WM also ohne die Stars aus den wichtigsten Nationen. Ist das der endgültige Todesstoß fürs Gewichtheben? Man stelle sich nur mal eine Leichtathletik-WM ohne Jamaikaner, Kenianer und US-Amerikaner vor. Bundestrainer Kurch sieht die Entwicklung trotzdem positiv. »Es ist gut, dass im Antidopingkampf klare Kante gezeigt wird. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, weil unser Sport fair betrieben werden soll. Und wir leben mit dem Ruf, dass unsere Sportart verseucht sei.«

Ob sie es wirklich ist, will Kurch nicht abschließend beurteilen, auch wenn fast 40 Heber und Heberinnen der Olympischen Spiele 2008 und 2012 nachträglich als Dopingsünder enttarnt worden sind. »Es gibt immer schwarze Schafe, nicht nur im Gewichtheben, aber es gilt auch immer die Unschuldsvermutung, so lange nichts bewiesen ist. Trotzdem ist offensichtlich, dass einige betrogen haben«, so der Bundestrainer.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln