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Muss da Tünche her?

Gomringers Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschule: Eine Debatte, die von Anfang an am Thema vorbeigeht

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Noch immer brennt die Debatte um Eugen Gomringers Gedicht »Avenidas« an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule (ASH). Knapp 200 Menschen haben sich deshalb am Dienstagabend im Audimax der ASH an einer Podiumsdiskussion zum Thema »Kunst und die Macht der Worte« beteiligt.

Journalisten, Schriftsteller, Politiker und andere geben sich seit Monaten größte Mühe, die Kritik von Studierenden und anderen Hochschulzugehörigen zu einem Skandal aufzublasen. Da ist von feministischem Diktat, linkem Spießertum und sogar Faschismus die Rede. Und das sind noch die harmloseren Vorwürfe. Das Gedicht, das inzwischen allen bekannt sein dürfte, wird derweil ikonisiert, als gäbe es kein Schöneres auf der Welt.

Was in der teilweise ausgesprochen unsachlichen Debatte fehlt, in der sich manche Journalisten auf das Niveau von Hasskommentaren in sozialen Netzwerken herablassen, ist die Bereitschaft, die Kritik der Studierenden überhaupt erst zu verstehen. Denn diese richtet sich erst mal gar nicht an das Gedicht oder seinen Autor. Sie richtet sich an die Hochschule, die den Text ohne Absprache mit Studierenden und Angestellten an der Fassade anbrachte. Bemerkenswerterweise teilt die Hochschulleitung diese Kritik und stimmt zu, dass »Avenidas« nicht das gendersensible Selbstverständnis der ASH repräsentiert.

»Gender«, das ist das große Reizwort dieser und vieler anderer Debatten. Die Worte »Gender« und »Sexismus«, von Frauen in den Mund genommen, löst bei vielen, besonders bei Männern, eine derartige Abwehrhaltung aus, dass der Inhalt, der mithilfe dieser Worte vermittelt werden soll, gar nicht beachtet wird. Dabei ist dieser Inhalt es immer, auch im Falle der ASH, wert, diskutiert zu werden.

Denn Studierende, Lehrende und andere Mitarbeiter der Hochschule sprechen zunächst von den Gefühlen, die »Avenidas« in ihnen auslöst. Nämlich Erinnerungen an erlebte sexuelle Belästigung, unangenehme Blicke von Männern, die auch dann nicht angenehmer werden, wenn man diese Männer »Bewunderer« nennt. Diese individuellen Gefühle, die viele Frauen an der ASH teilen, waren Ausschlaggeber für die Debatte. Da hat noch niemand gesagt, dass Gomringers Gedicht sexistisch sei - obwohl das durchaus streitbar ist. Denn der Dichter stellt Frauen, Alleen und Blumen auf eine objektivierende Ebene: schöne Dinge, die ein Mann bewundern kann. Doch statt einer progressiven Diskussion über Lyrik und das Frauenbild in der Literatur oder Kunst allgemein, schreien die Martensteins dieser Welt lieber »feministische Zensur!«. Opfer sind diesmal nicht die Männer, sondern eben die Kunst.

Statt die Entscheidung der ASH zu akzeptieren, erklimmen die Gender-Phobiker in dieser Stellvertreterdebatte die nächste Stufe der Hysterie und nutzen nun Kampfbegriffe wie »Säuberung«, und »Bücherverbrennung«, ja sogar an die »dunkelsten Zeiten deutschen Geschichte« fühle sich manch einer erinnert. Dass solche Vergleiche, »von der intellektuellen Elite dieses Landes ohne Sinn und Verstand in die Debatte geworfen werden, ist unverantwortlich«, findet Prorektorin der ASH, Bettina Völter. Es sei peinlich und autoritär, wie einzelne Akteure sich in der Öffentlichkeit äußerten. Nicht nur das: Es verharmlost auch die ungeheuerlichen Verbrechen die tatsächlich während der NS-Zeit begangen wurden.

Es geht im Falle der Alice-Salomon-Hochschule nicht um die Zerstörung eines Kunstwerks. Das Gedicht existiert auch ohne die Fassade. Es wird auch nicht auf dem Index landen und künftig nur noch im Untergrund des Widerstands geflüstert rezitiert werden können. Es soll lediglich am Gebäude der ASH ausgetauscht werden. Das wurde demokratisch von denen entschieden, die es tatsächlich betrifft: Den Angehörigen der Hochschule.

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