Werbung

Die größte Freiheitsstätte der Erde

Der Comic »Der Riss« erzählt davon, wie die EU an ihren Außengrenzen agiert: mit Waffen, Zäunen und Militär

  • Von Ruth Oppl
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Sie waren auf einer »Mare Nostrum«-Mission im Mittelmeer dabei und haben bei einem NATO-Manöver in Litauen an der russischen Grenze teilgenommen. Drei Jahre lang, von 2013 bis 2016, haben der Journalist Guillermo Abril und der Fotograf Carlos Spottorno, beide sind Spanier, die europäische Außengrenze bereist. Ihre sieben Reisen sind jetzt, erzählt in Form einer Comic-Reportage, im Avant-Verlag unter dem Titel »Der Riss« erschienen.

Zu ihrer ersten Reise nach Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, brechen sie auf, nachdem vor Lampedusa 366 Bootsflüchtlinge ertrunken sind. Sie treffen hier, wie bei all ihren Reisen, auf Menschen, für die die Außengrenze der EU »eine Grenze zwischen der gefährlichen und der sicheren Welt« ist.

Doch ist »Der Riss« kein Comic über Flüchtlinge, sondern ein Comic über Europa. Erzählt werden nicht die Geschichten von Flüchtlingen, erzählt wird davon, wie die EU an ihren Außengrenzen agiert: mit Stacheldraht, Bewegungsmeldern, Zäunen, Schäferhunden, Waffen und Militär.

Als Gegenbild zur tatsächlichen Festung Europa, die sie auf ihren Reisen erleben, imaginieren Abril und Spottorno jedoch mit einigem Pathos ein Idealbild der EU: »Die Europäische Union, die größte Freiheitsstätte der Erde«, geboren aus dem Wunsch nach Frieden, ein Sehnsuchtsort nicht nur für Flüchtlinge und Migranten, sondern auch für die osteuropäischen Länder entlang der russischen Grenze. Man kann darüber spekulieren, ob diese Farbigkeit im Ausdruck, die Gefahr läuft, ins Lächerliche zu rutschen, aus den Überlegungen eines Journalisten rührt, wie ein Comic klingen sollte, oder ob der oben zitierte geschwollene Stil eine Folge der Übersetzung ist.

Die Bildebene jedenfalls überhöht das Pathos des Textes, statt es zu brechen: Über 25 000 Fotos, die Spottorno auf den sieben Reisen gemacht hat, wurden weichgezeichnet und koloriert, zu einer comicartigen Bilderzählung montiert, die den Text überwiegend nur illustriert.

Die Szenen jedoch, in denen die Bildebene die Erzählung übernimmt, gehören zu den stärksten Passagen des Comics: die Schiffswracks auf Lampedusa, der verschneite Autofriedhof an der finnischen Grenze, das »Strandgut-Museum« in Lampedusa und die dort ausgestellten Gegenstände aus dem Besitz von Schiffbrüchigen.

Durch die Verwendung von Fotografien wird dem Leser allerdings eine Objektivität vorgegaukelt, die teils im Widerspruch zum Text steht. Wenn zum Beispiel davon erzählt wird, wie sich nach der Finanzkrise 2008 »die Völker empörten« und gegen ihre Regierungen auf die Straße gingen, ist das eine Sicht, die für Spanien eventuell gilt. In Deutschland gab es die Abwrackprämie, und auf der Straße war »das Volk« hier vor allem, um in Stuttgart den Umbau eines Bahnhofes zu verhindern.

»Es gibt große Risse und kleinere Risse. Alle sind miteinander verbunden. Hält man sie nicht auf, kollabiert die Struktur.« Es ist die Angst vor dem Zerfall der »größten Freiheitsstätte der Erde«, die sich in dem titelgebenden Bild des »Risses« manifestiert, die sich durch die ganze Erzählung zieht.

Der Riss ist etwa sichtbar in Melilla: Hinter einem massivem Zaun, bewehrt von Stacheldraht - ein Golfplatz, finanziert mit Mitteln aus einem EU-Fonds, in direkter Nachbarschaft und Blickweite des Flüchtlingslagers in Melilla; die Flüchtlinge auf dem Berg Gourougou, die, um dieses Lager zu erreichen, in Kauf nehmen, sich die Hände am Stacheldraht zu zerschneiden und von Soldaten zusammengeschlagen zu werden. Der Riss ist auch sichtbar beim NATO-Manöver an der russischen Grenze, wenn die Möglichkeit eines Krieges aufscheint. Und er setzt sich fort im Erstarken rechtsextremer Bewegungen und islamistischen Terrors.

Trotz Pathos ist »Der Riss« jedoch kein apokalyptischer Comic, sondern ein Plädoyer dafür, die Risse in Europa zu kitten, die Struktur Europa trotz allem vor dem Zerbrechen zu bewahren: »Sein 70 Jahre währender Frieden. Die Freiheit. Die offene Gesellschaft. All das, was uns zu dem Ort macht, den jene erreichen möchten, die vor der Barbarei fliehen.«

Guillermo Abril/Carlos Spottorno: Der Riss. Avant-Verlag. 184 S., geb., 32 €.

Buchpremiere: 9.11., 19 Uhr, Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Straße 2, Wedding

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen