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Alternativen kosten Zeit

Glyphosat zu ersetzen erfordert ein Umdenken auf dem Acker

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.

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Erneut haben sich am Donnerstag die EU-Staaten nicht darüber einigen können, ob das umstrittene Herbizid Glyphosat in der EU weiter verwendet werden darf. Ursprünglich hatte die EU-Kommission eine Verlängerung der Zulassung um zehn Jahre vorgeschlagen, diesen Vorschlag aber nach monatelangen Debatten bereits auf fünf Jahre verkürzt. Doch selbst diese Version fand keine Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsländer, nur 14 von 28 stimmten für eine Verlängerung, neun dagegen und fünf enthielten sich. Unter den letzteren findet sich Deutschland, da sich Bundesumwelt- und Bundeslandwirtschaftsministerium nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können.

Der Streit um die weitere Zulassung des weltweit meistverwendeten Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat - entwickelt vom US-Agrarmulti Monsanto - ist in den vergangenen Jahren hochgekocht. Zuletzt hatten Veröffentlichungen in den USA, die sogenannten Monsanto-Papers, aufgezeigt, wie der Saatgutkonzern auf die Zulassung des Ackergiftes seit den 1970ern Einfluss genommen hat. Unter anderem wurde in internen E-Mails vorgeschlagen, als Ghostwriter zu agieren oder es wurden massive Leserbriefaktionen für Fachmagazine organisiert. Zudem soll die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit in ihrem Schlussbericht über die Gefährlichkeit von Glyphosat ganze Passagen bei Monsanto abgeschrieben haben. Obwohl bei den Zulassungsbehörden immer wieder Zweifel auftauchten, erhielt der Konzern am Ende immer die gewünschte Zulassung.

Doch auch die Gegenseite steht unter Druck: Der Wissenschaftler C. Portier, ein renommierte Statistiker, der für die Internationale Krebsagentur IARC zu dem Schluss kam, Glyphosat sei »wahrscheinlich krebserregend für den Menschen«, soll Beraterverträge mit Anwaltskanzleien abgeschlossen hat, die Glyphosat-Opfer vertreten. Zwar ist der aggressive Lobbyismus des Saatgutriesen ungleich besser ausgestattet, dennoch liefern solche Verflechtungen Stoff für Unterstellungen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der bewerteten Studien unter Verschluss steht, eine öffentliche Überprüfung ist so unmöglich.

Doch jenseits der Frage, ob Glyphosat krebserregend für Menschen ist, schädlich für die Biodiversität ist das Ackergift allemal. Monokulturen der industriellen Landwirtschaft begünstigen das Artensterben, daran bestehen auf keiner Seite Zweifel.

Doch was sind die Alternativen für die Landwirte, die unter dem Marktdruck möglichst günstig produzieren müssen und auch deshalb auf Pestizide zurückgreifen? »Komfortabel und preisgünstig«, so nennen es viele Bauern, wenn sie nur einmal vor der Ernte spritzen müssen und sich die Unkrautbekämpfung danach erledigt hat.

Eine Untersuchung des Julius-Kühn-Instituts, einer Forschungseinrichtung des Bundes, kam 2015 zu dem Schluss, dass es keine Alternative gibt, die für die Landwirte ähnlich günstig ist - ausgenommen waren allerdings die Kosten für Umweltschäden, Grundwasserverseuchung und Bodenverschlechterung.

Als akzeptable und zugleich sofort praktizierbare Alternative zu Glyphosat gilt laut den Wissenschaftlern die mechanische Unkrautbekämpfung durch Bodenbearbeitung, etwa durch Umpflügen oder das maschinelle Ausreißen wilder Ackerpflanzen. Doch das bedeutet mehr Arbeitsstunden. Ein weiterer Nachteil ist, dass sich durch mehr Bodenbearbeitung die Bodenqualität verschlechtern kann. In Hanglagen oder bei spezieller Bodenbeschaffenheit erhöht Pflügen zudem die Gefahr von Bodenerosion. Dennoch zeigt auch die ökonomische Folgenabschätzung des Julius-Kühn-Instituts, dass unter bestimmten Bedingungen auf Glyphosat verzichtet werden kann. Es gelte, »sorgfältig zu prüfen, ob Glyphosatanwendungen nicht durch mechanische Arbeitsgänge mit geeigneten Geräten ersetzt werden können«. Zudem sollte geprüft werden, »ob eine Glyphosatanwendung im jährlichen Wechsel mit mechanischen Arbeitsgängen nicht auch ausreichende Ergebnisse liefert«, so die Forscher. So könnte immerhin die Herbizidmenge verringert werden.

Bio-Landwirte nutzen schon lange Bodendecker, erhöhen die Fruchtfolgen oder setzen Tiere zur Unkrautbekämpfung ein. Auch der Wiener Wissenschaftler Johann G. Zaller vom Institut für Zoologie der Universität für Bodenkultur erklärt: »Es gibt zahlreiche nicht-chemische Alternativen, die seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt werden, etwa im ökologischen Landbau. Für Mensch und Umwelt wäre dies naturgemäß ein riesiger Gewinn.« Gleichzeitig kritisiert er: »Durch die starke industrielle und politische Förderung der konventionellen Landwirtschaft wurde über Jahrzehnte die Forschung zu nicht-chemischen Alternativen vernachlässigt. Dabei wäre gerade hier auch ein großes Innovationspotenzial für viele Industriebereiche, Stichwort Digitalisierung der Landwirtschaft. Was spricht dagegen, einen Jät-Roboter im Feld herumwuseln zu lassen?« Schon heute sind solche Agrarroboter in der Erprobung, die - mit Kamera und Computerchip ausgestattet - Unkräuter erkennen und nur diese gezielt entfernen. Doch die Digitalisierung ist teuer und bisher nur für Großbetriebe geeignet. Die Schlussfolgerung bleibt deshalb: Eine Glyphosatfreie Landwirtschaft ist realisierbar, aber kostenintensiver.

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