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Vom Verschwinden der Attribute

Das Revolutionsjubiläum bescherte Russland neue Sichten auf die eigene Geschichte. Von Horst Schützler

  • Von Horst Schützler
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Lehren der Geschichte brauchen wir vor allem für die Aussöhnung, für die Stärkung der sozialen, politischen, zivilen Eintracht«, ließ Präsident Wladimir Putin in einer Botschaft vor dem Jubiläumsjahr wissen und betonte: »Wir sind ein Volk, und haben nur ein Russland.« Der von einem repräsentativen Organisationskomitee unter der Leitung der »Russischen historischen Gesellschaft« erarbeitete Maßnahmeplan mit 107 Festlegungen ist weitgehend verwirklicht worden - ohne direkte Präsidentenvorgaben, wie russische Historiker hervorheben; es gebe keine Deutungshoheit, keine »Usurpation« der Macht im Raum der Erinnerung. In einem Interview erklärte aber das angesehene Akademiemitglied Alexander Tschubarjan, »dass die Hauptlehre der Revolution von 1917 für uns einfach ist. Das darf sich nicht wiederholen ... Denn: Revolution ist mit Gewalt und Opfern verbunden … Der Weg von Reformen ist konstruktiver, geeigneter für eine Nation, für die Bevölkerung als eine gewaltsame Konfrontation.« Ähnlich äußerten sich andere Wissenschaftler, aber auch Angehörige des russischen Hochadels, der russischen Emigration und der Russisch-Orthodoxen Kirche, verbunden mit der Forderung, den »Sündigen zu vergeben, aber die Sünde selbst nicht zu vergessen«. Die gesellschaftliche politisch-soziale Wirklichkeit in Russland macht allerdings die angestrebte Aussöhnung - wer mit wem? - schwierig und fraglich.

Zweifellos hat sich während der letzten Jahrzehnte das Verhältnis der Bevölkerung Russlands zur Revolution geändert. Ihr Nimbus als gesellschaftsveränderndes Ereignis ging weitgehend verloren. Laut Umfragen sind zwei Drittel der Russen der Auffassung, dass man eine Revolution nicht zulassen darf, »was auch immer geschehen mag«. Auch in der Geschichtsbetrachtung und Geschichtsschreibung ist eine deutliche Koordinatenverschiebung zu registrieren.

Erstens: Es wird nicht mehr von der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution«, sondern »Großen Russischen Revolution« gesprochen, die als Einheit von »bürgerlich-demokratischer« Februar- und »sozialistischer« Oktoberrevolution gefasst wird, wobei die beiden Attribute umstritten sind. Die »Oktoberrevolution« wird zudem auch »Oktoberumsturz«, »Staatsstreich«, »bolschewistischer Umsturz«, »Putsch der Bolschewiki« oder »bolschewistische Verschwörung« genannt. Dahinter stehen Konzeptionen und Auffassungen, die keineswegs neu und autochthon (indigen) sind.

Zweitens: Im Gegensatz zu früherer Geschichtsbetrachtung, die Bürgerkrieg (einschließlich ausländische Intervention) als eine relativ selbstständige Etappe in der Geschichte der Sowjetunion definierte, wird die »Tragödie« des »Bruderkrieges« - oft mit einseitiger Schuldzuweisung an die Bolschewiki - nun der Revolution zugerechnet.

Drittens: Der Erste Weltkrieg hatte in der Sowjetunion zunehmend seine Bedeutung als eigenständige Erscheinung verloren und sich in einen »Katalysator«, in eine »Dienerin der Revolution« verwandelt. Der globale Konflikt war in den Schatten des »Roten Oktobers« geraten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollte die russische Geschichtsschreibung aus dem »Schatten« heraustreten. Der Erste Weltkrieg erlangte wieder eine relativ selbstständige Betrachtung und Aufwertung.

Diese Koordinatenverschiebungen sind Ergebnis der Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen, sich bekämpfenden gesellschaftlichen Strömungen, monarchistisch-klerikale, kommunistische, liberale, national-patriotische und viele weitere. Die monarchistisch-klerikale Bewegung hat wenig Rückhalt in der Bevölkerung. In einer Umfrage vom November 2016 sprachen sich nur drei Prozent der Probanden für eine Monarchie aus, wie es sie vor 1917 in Russland gab. Die wirkungsmächtigste Strömung ist die national-patriotische mit starker Verwurzelung in den Parteien »Einheitliches Russland« und »Gerechtes Russland«. Das Eintreten für einen eigenständigen starken Staat und die Größe Russlands führt in der Geschichtsbetrachtung über die Russische Revolution und deren Folgen zu negativen Bewertungen der Rolle der Bolschewiki als »Landesverräter« und der Hervorhebung staatstragender Persönlichkeiten, wie Stalin. Hier ergeben sich »Schnittmengen« mit der kommunistischen Strömung. Die liberale Strömung wiederum, insbesondere der Intelligenz, setzt auf westliche, »europäische« Werte. Sie würdigt vor allem die Februarrevolution und deren Möglichkeiten einer bürgerlich-demokratischen Entwicklung.

Gegen Ende des Jubiläumsjahres lässt sich also feststellen: Russland hat sich wieder dem wichtigsten Ereignis seiner Geschichte im 20. Jahrhundert zugewandt und um neue Erkenntnisse gerungen, dies jedoch vornehmlich mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Aussöhnung - ohne jedoch eine Übereinstimmung zu erreichen. Laut Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums vom März dieses Jahres sehen 48 Prozent der Befragten die Oktoberrevolution eher positiv bis sehr positiv, 31 eher negativ bzw. äußerst negativ; 21 konnten oder wollten sich nicht äußern.

Immer wieder wurde in diesem Jahr die Frage diskutiert: Droht Russland ein neues Jahr 1917? Laut der genannten Umfrage meinen 59 Prozent der Befragten, dass Ereignisse, ähnlich denen von 1917, im heutigen Russland nicht vorstellbar seien; 28 Prozent waren gegensätzlicher Meinung. Interessant sind auch die Antworten auf die Frage, in welcher Zeit man leben möchte: Vier Prozent der Probanden nannten Russland vor der Revolution, 28 die Breshnew-Ära, 33 die Gegenwart unter Putin.

Die Revolution von 1917, insbesondere die des Oktobers, hat mit ihren Folgen das Leben mehrerer Generationen in Russland geprägt und bestimmt auch noch heute die unterschiedlichen Wertungen. Dafür sollte man Verständnis haben.

Prof. Dr. Horst Schützler lehrte russische und sowjetische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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