Das Wissen der Welt

Vor 300 Jahren wurde der Mathematiker und Enzyklopädist Jean-Baptiste le Rond d’Alembert geboren. Von Martin Koch

Das Wissen der Welt

Bis heute findet sich der Name des französischen Gelehrten und Mathematikers Jean-Baptiste le Rond d’Alembert in vielen Geschichtsbüchern. Das hat vor allem einen Grund: Gemeinsam mit dem Philosophen Denis Diderot gab d’Alembert eines der wichtigsten Werke der Aufklärung heraus. Dessen etwas ausladender Titel lautet: »Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke«. Ziel der Herausgeber war es, »ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen«.

An der Abfassung der mehr als 70 000 Enzyklopädie-Artikel beteiligte sich fast die gesamte geistige Elite Frankreichs, darunter Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Montesquieu. Der erste Band erschien 1751 und enthielt ein viel beachtetes Vorwort von d’Alembert, der gelegentlich erklärte: Das Wissen der Menschheit stamme nicht von einem Monarchen oder aus Rom, sondern vom individuellen Sinn und Verstand. Erwartungsgemäß stand der französische König Ludwig XV. dem Werk ebenso ablehnend gegenüber wie Papst Clemens XIII., der die Enzyklopädie 1759 auf den Index der verbotenen Bücher setzen ließ. Doch alle Versuche, den Fortgang des Projekts zu verhindern, scheiterten. Zuletzt umfasste das aufklärerische Mammutwerk 35 Bände; den Schluss bildete 1780 ein zweibändiges Register.

D’Alembert gehörte da schon nicht mehr zu den Herausgebern. 1759 war er aufgrund der vielen Anfeindungen von dieser Funktion zurückgetreten. Zuvor hatte er einen Beitrag über die Stadt Genf verfasst, den kein Geringerer als Rousseau zum Anlass nahm, um sich von den Enzyklopädisten loszusagen. Der Streit über den Artikel belastete auch d’Alemberts Verhältnis zu Diderot. Aber selbst nach seinem Rückzug als Herausgeber schrieb d’Alembert weiterhin Enzyklopädie-Beiträge zu mathematischen und physikalischen Problemen, deren Zahl am Ende bei weit über 1000 lag.

Als unehelicher Sohn eines Artillerieoffiziers und einer Salondame wurde d’Alembert am 16. November 1717 in Paris geboren. Kurz nach seiner Geburt setzte ihn seine Mutter an einer Kirche aus. Von hier kam d’Alembert ins Findelheim und dann zu einer Handwerkerwitwe, bei der er bis zu seinem 48. Lebensjahr blieb. Die Kosten für die Schule übernahm sein leiblicher Vater, der seinen unehelichen Sohn zwar niemals offiziell anerkannte, ihn aber nach Kräften unterstützte. Zu seiner Mutter hatte d’Alembert indes keinen Kontakt mehr.

Mit zwölf Jahren besuchte er das Collège des Quatre-Nations, das vom Geist des Jansenismus, einer häretischen katholischen Reformbewegung, geprägt war. Obwohl man ihn nach dem Abschluss drängte, Priester zu werden, nahm d’Alembert ein Jurastudium auf. Mit Mathematik und Physik beschäftigte er sich autodidaktisch. Dies jedoch tat er so intensiv, dass er bereits mit 22 Jahren seine erste mathematische Arbeit bei der Pariser Akademie der Wissenschaften einreichen konnte. In den nächsten zwei Jahren verfasste er fünf weitere Abhandlungen, die sich mit der Lösung von Differentialgleichungen und der Dynamik von Körpern beschäftigten. 1741 wurde er zum Mitglied der Akademie ernannt.

Um sich einen Platz unter den führenden Mathematikern des 18. Jahrhunderts zu sichern, suchte d’Alembert den unmittelbaren Wettstreit mit berühmten Kollegen wie Leonhard Euler und Daniel Bernoulli. Das heißt, er bearbeitete mitunter dieselben Probleme wie diese. Viele seiner Ideen blieben deshalb zunächst unbeachtet, und sein Verhältnis zu Euler kühlte sich merklich ab.

Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern war d’Alembert eher bodenständig. Nur einmal, im Sommer 1763, verließ er Frankreich und reiste nach Potsdam zu Friedrich II. Um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, hatte d’Alembert bereits 1746 eine Preisschrift über die Ursache des Windes an die Berliner Akademie der Wissenschaften gesandt und eine Widmung an den Preußenkönig beigefügt. Doch der reagierte mit Verzögerung. Erst vier Jahre nach dem Ende seiner Herausgebertätigkeit bei der Enzyklopädie weilte d’Alembert für drei Monate bei Friedrich, der ihm das lukrative Angebot machte, Präsident der Berliner Wissenschaftsakademie zu werden. D’Alembert lehnte jedoch ab und empfahl stattdessen Euler, dem er dadurch wieder ein Stück näherkam, und den er in Berlin besuchte. Auch die russische Zarin Katharina II. gehörte zu jenen »aufgeklärten« Monarchen, mit denen d’Alembert korrespondierte. Allerdings wahrte er gegenüber allen Herrschern eine gewisse Distanz und blieb bei großen Versprechungen misstrauisch.

Als d’Alemberts mathematisches Hauptwerk gelten die neun Bände seiner »Opuscules mathématiques«, mit denen er mehrere mathematische Disziplinen befruchtete. 1747 löste er die eindimensionale Wellengleichung für schwingende Saiten, die heute seinen Namen trägt. Er arbeitete auf dem Gebiet der Konvergenz von Reihen, der Funktionentheorie und der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Außerdem formalisierte er die Newtonsche Mechanik und entwickelte ein Prinzip, welches die Aufstellung der Bewegungsgleichungen gebundener mechanischer Systeme erlaubt. Es wurde später d’Alembertsches Prinzip genannt.

Neben wissenschaftlichen Traktaten verfasste d’Alembert auch Schriften über Religion, Ethik, Geschichte und Musik. Früh schon war er in die Académie française aufgenommen worden, die Vorbild für die Gründung späterer Wissenschaftsakademien wurde. 1765 wandte er sich - von Voltaire inspiriert - gegen die Jesuiten, die er in einem Buch als »Grenadiere des Fanatismus und der Intoleranz« bezeichnete. Seine Kritik dehnte d’Alembert schließlich auf alle Gruppen aus, die behaupteten, bevorrechtete Verkünder ewiger spiritueller Wahrheiten zu sein. Im Alter lebte der vielfach geehrte Enzyklopädist von einer Pension, die ihm Friedrich II. einst gewährt hatte. D’Alembert starb am 29. Oktober 1783 mit 65 Jahren in Paris.

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