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Die Haut, in der du steckst

Was der Körper mit der Klassengesellschaft zu tun hat. Von Britta Steinwachs

  • Von Britta Steinwachs
  • Lesedauer: 5 Min.

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Nichts erscheint so natürlich wie die körperliche Empfindung: Der Leib zittert vor Kälte, man verspürt ein flaues Gefühl im Magen kurz vor einer Prüfung und beim Horrorfilm läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Auf den ersten Blick scheint der Körper instinktiv auf die Umwelteinflüsse zu reagieren. Doch können auch die scheinbar intuitivsten körperlichen Prozesse kulturell geformt werden. Ohne, dass wir darüber nachdenken müssen, füllt sich unsere Lunge beim Atmen entsprechend des körperlichen Aktivitätslevels mit Sauerstoff.

Doch das »richtige« Atmen je nach sozialer Rolle will gelernt sein. Der Yogalehrer lehrt ganz bestimmte Atemübungen zur Entspannung, die Blasmusikerin erhöht ihre Atemleistung mit gezielten Atemtrainings, während der Soldat auf einen ruhigen Atem bei Schießkommandos angewiesen ist. Der Körper bietet jedoch nicht nur einen Raum und Rahmen für das eigene Erleben und eine Bedingung sozialen Handelns. Er produziert in einem komplexen Wechselprozess auch immer wieder soziale Bedeutungen.

Sieht man bisher unbekannte Menschen zum ersten Mal, dann fungieren ihre Körper auch als Chiffren für ihre soziale Identität. Wir haben ein soziales Gespür dafür entwickelt, welche körperlichen Symbole in welchen Kulturen, sozialen Milieus und Gruppen en vogue sind. Dass der Mann mit dem teuren Anzug und dem forschen Gang wohl eher einer privilegierten Klasse zuzuordnen ist als die unsicher umherblickende Frau mit den Leggins und dem Kapuzenpulli, das können wir an ihren Körpern »ablesen«.

Der Soziologe Pierre Bourdieu spricht von einem erlernten praktischen Sinn, der es uns ermöglicht, Menschen in ihrem körperlichen Handeln im Verhältnis zur eigenen sozialen Position einzuordnen. Dieses Schubladendenken ist dabei einerseits notwendiges Mittel zur Orientierung im sozialen Raum für das Selbst, anderseits werden auf diese Weise gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziert.

Das, was wir als unseren individuellen Geschmack erleben, ist somit immer Teil eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses von Macht. Bourdieu spricht von einem im Körper eingeschriebenen Habitus, der unser Denken, Handeln und Wahrnehmen prägt. Welche Musik wir gerne hören, wie wir unsere Wohnung gestalten und was wir essen, all das sind Beispiele für eine unbewusste gesellschaftliche Verfasstheit unseres persönlichen Empfindens.

Das Erlernen, was zu laut ist und was zu leise, was sich gut anfühlt und was schlecht, wovor wir Angst haben und was oder wen wir begehren, das ist für Bourdieu das Ergebnis einer komplexen Aneignung von Körperwissen im sozialen Umfeld. Der Habitus bestimmt, wer wir sind. Das fängt bei Mode und Körperschmuck an und setzt sich fort in Gesten, Blicken und Haltungen. Es gibt keinen Körper, der nicht vergesellschaftet wäre, sich also nicht in ein Kollektiv integrieren müsste, um nach außen identifizierbar zu sein. Damit das gelingt, betreiben Menschen wie selbstverständlich einen erheblichen Aufwand. Sie tragen die »richtige« Kleidung oder rasieren sich an den »richtigen« Stellen die Haare ab.

Der Körper ist damit ein produktives Arbeitsmittel, mit und an dem sich der soziale Status aufwerten lässt. Der Körper wird zum Rohstoff der Selbstoptimierung, weil er eine Möglichkeit bietet, das Subjekt durch den Einsatz gesellschaftlicher Ressourcen wie Zeit und Geld zu »verbessern«. Wer da nicht mithalten kann oder will, fällt durchs Raster.

Vor einigen Jahren erschien eine Ausgabe der Zeitschrift »Geo Wissen« mit dem Schwerpunktthema »Sünde und Moral«. Eingerahmt ist das mit christlicher Mystik aufgeladene Heft durch eine Illustration der »klassischen Tugenden« zu Beginn des Magazins und der »modernen Todsünden« an dessen Ende. Im hinteren Teil findet sich als doppelseitige Illustration der Todsünde »Gleichgültigkeit« das Foto eines älteren Mannes und einer beleibten Frau. In offensichtlich ungewaschenen Unterhemden sitzen sie nebeneinander auf einem abgenutzten Sofa und verfolgen teilnahmslos das Fernsehprogramm. Beide stochern auf ihren Tellern herum, in denen große Kartoffelstücke und eine nicht definierbare Masse in fetter Bratensoße schwimmen.

Unter dem Bild steht dieser Text: »Soziale Verwahrlosung - diese Trägheit des Herzens - gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Auffällig wird sie aber nur dort, wo sich innere Lieblosigkeit und äußere Wurstigkeit vereinen. Im sogenannten White Trash, der heruntergekommenen Lebensart eines Teils der Unterschicht, ergeben sie eine unansehnliche Melange: Menschen, die seelisch erkalten und unempfänglich werden für Signale jeglicher Art.«

Dieses Beispiel illustriert, wie Körper zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Deutungsmacht werden können. Der Text markiert die Speisenden als Zugehörige der »Unterschicht«, deren angebliche Verdorbenheit sich aus der Tatsache ablesen ließe, dass die Körper keinem normierten Schönheitsideal entsprechen (»äußere Wurstigkeit«) und dem Umstand, dass sie der kulturell etablierten Norm des gepflegten Dinners am Tisch in legerer Kleidung trotzen (»heruntergekommene Lebensart«). Die Kombination aus Körperbild und Text impliziert damit, diese Menschen seien selbst schuld an ihrer Lage, weil sie sich »gleichgültig« verhielten.

Der Status des Körpers als Ensemble subjektiver Erfahrungen macht ihn zum idealen Gestaltungsraum gesellschaftlicher Machtstrukturen. Er sorgt dafür, dass kultivierte Männer mit sauber gegelter Frisur, austrainiertem Oberkörper im Maßanzug oder schlanke Frauen mit reiner Haut sowie vollem Haar im Abendkleid als schön wahrgenommen werden und Menschen mit Leibesfülle, Vorliebe für fettiges Essen und verschlissene Unterhemden als hässlich gelten.

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