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Wenn er Hilfe braucht

Im thüringischen Jena gibt es eine Anlaufstelle für männliche Opfer von Beziehungsgewalt

  • Von Marie Frech, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Das ist einfach die Hölle.« So fasst der Mann seine Situation zusammen. Die Hölle, die Franz B. (Name geändert, der echte Name ist der dpa-Redaktion bekannt) beschreibt, ist das Leben mit seiner Ehefrau. Eine psychische Erkrankung habe sie ihm vor Jahren de facto genommen, sagt der Mann. Inzwischen sei sie nur noch eine Hülle. »Das ist nicht mehr die Frau, die ich vor über 30 Jahren geheiratet habe.«

Er schildert, wie unberechenbar sie geworden sei: Teure Impulskäufe wie ein Auto gehören fast noch zu den harmlosen Beispielen. Dramatisch wird es bei Todesdrohungen und tatsächlichen Handgreiflichkeiten, von denen B. erzählt. Nicht nur gegenüber ihm selbst, sondern auch gegenüber den gemeinsamen, inzwischen erwachsenen Kindern.

Für Männer wie Franz B. gibt es im thüringischen Jena seit diesem Frühjahr eine spezielle Anlaufstelle. Über das »Projekt A4« bieten Sozialpädagoge Jonas Reistel und sein Therapeuten-Kollege Ronny Teschner Beratung und Unterstützung für Männer an, die Opfer von Beziehungsgewalt wurden. Laut Landessozialministerium registriert die Thüringer Polizei jährlich mehrere Hundert Fälle, in denen Männer Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Die Beratungsstelle von »Projekt A4« richtet sich aber nicht nur an Männer, die von physischer Gewalt betroffen sind.

Seit April haben sich die Berater um neun Klienten gekümmert. Über einen Kamm scheren ließen sich die Fälle nicht, sagt Reistel. Oft spiele auch psychische Gewalt eine Rolle. Nicht immer gehe die Bedrohung von der Ehefrau aus. Reistel berichtet etwa auch von einem Stalker-Fall.

»Das Einzige, was diese Männer gemeinsam haben, ist, dass sie sich bewusst gemacht haben, Hilfe zu brauchen, und dass diese ihnen auch zusteht«, berichtet Reistel. Denn genau diese Einsicht falle gerade Männern häufig schwer, so die Vermutung der Berater.

Das gilt auch für Franz B. - er sagt, er habe erst ein Schamgefühl überwinden müssen, bevor er zur Beratungsstelle kam. B. ist Anfang 50, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Dass er unter Problemen zu Hause leidet, würde man nicht sofort vermuten.

Zu Hause aber fühlt er sich nicht wohl, hat Angst. Er fürchtet sich vor seiner Frau, hat aber auch Angst um sie. »Ich will sie nicht aufgeben, will mich nicht scheiden lassen oder sie einweisen.« Die Situation zehre an seinen Nerven. Er sei schon fast so weit gewesen, sich selbst etwas anzutun. »Aber dann dachte ich an die Kinder, an mein Geschäft.« Als er sich schließlich dazu entschloss, die Beratungsstelle zu besuchen, sei das ein Segen gewesen.

»Wir bieten urteilsfreie Gespräche und versuchen gemeinsam mit den Betroffenen, Lösungen zu finden«, erklärt Reistel. Die Berater informieren etwa über rechtliche Möglichkeiten oder vermitteln gleich Kontakte zu Fachanwälten. Entscheidend sei aber, mit den Männern Strategien für deren Selbstschutz zu entwickeln. »Sie sollen sich nicht selbst vergessen und lernen, sich Räume zu schaffen, aus denen sie Kraft ziehen können.«

Für diese Hilfe ist auch Franz B. dankbar. Er besucht die Anlaufstelle inzwischen regelmäßig. »In Jena, da haben mich die Männer gefragt: Woher nehmen Sie nur die Kraft für all das? Allein dass mir jemand so zuhört und mich nach meinen Bedürfnissen fragt, ist viel wert.« Ein anderes Thüringer Projekt zum Schutz von Männern vor häuslicher Gewalt fand im Spätsommer sein Ende. Eine in Gera eingerichtete Gewaltschutz-Wohnung wurde aufgelöst. Es fehlte Geld, um sie zu finanzieren. dpa/nd

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