Jenseits des Nationalstaates

Der Islamismus wird die arabische Welt weiterhin prägen - im Guten wie im Schlechten

  • Von Thorsten Hasche
  • Lesedauer: 7 Min.
Islamismus: Jenseits des Nationalstaates

Der politische Islam im 21. Jahrhundert ist transnational, seine zahlreichen Bewegungen und vielfältigen Ideologien bewegen sich über die Ländergrenzen Europas, Nordafrikas, Westasiens, Zentralasiens und Südostasiens hinweg. Zugleich bewegt sich der Islamismus zwischen zwei Polen: Relativ zivil-politische Organisationen à la Muslimbruderschaft unterscheiden sich von der radikalen Militanz einer Al-Qaida oder des »Islamischen Staates«. Die sunnitischen Ausprägungen des Islamismus sind vor allem von nicht staatlichen Gruppierungen geprägt, während der schiitische Islamismus durch die Islamische Republik Iran und die von ihr unterstützte Hisbollah im Libanon vertreten wird. Gemein ist ihnen, dass sie eine politische und soziale Ordnung nach islamisch empfundenen Werten gestalten wollen.

Durch die Gewaltaktionen des Al-Qaida-Netzwerkes stieg das öffentliche Interesse am transnationalen Islamismus bereits enorm an. Der rapide Aufstieg des »Islamischen Staates« (IS) im Verlaufe des Ramadan 2014 zeigte die weltpolitische Bedeutung des militanten Spektrums des politischen Islam nochmals sehr deutlich. Doch wie ist es derzeit um die politische Bedeutung des Islamismus nach dem Scheitern der arabischen Republiken infolge der »Arabellion« und der militärischen Niederlagen des IS bestellt? Dieser Text geht davon aus, dass die dynamische Entwicklung des transnationalen Islamismus eng mit dem umkämpften Verhältnis von Politik und Religion in der islamischen Welt verbunden ist. Um dies zu untermauern, werden drei Dimensionen der Verbindung von Religion und Politik in islamischen Ländern betrachtet: Das Scheitern der »Arabellion«, das Verbot der ägyptischen Muslimbruderschaft und der Aufstieg des IS sowie letztlich die Politik in der Türkei und die konfessionelle Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien.

Die Rückkehr der repressiven Sicherheitsregime

Nach dem Sturz langjähriger Machthaber und von Teilen ihres Herrschafts- und Patronagesystems öffneten sich die politischen Arenen der arabischen Republiken Libyen, Tunesien, Ägypten und Jemen. Selbst das alawitische Regime in Syrien geriet in den Strudel von Massenprotesten. Eine junge arabische und transnational vernetzte Generation schien eine Demokratisierung herbeiführen zu können. Teilweise mit militärischer Unterstützung von westlichen Staaten, so in Libyen, durch EU-Mittel (Tunesien) bzw. abgesegnet durch die US-Administration unter Barack Obama (Ägypten) sollten Parlamentswahlen und Verfassungsreformen innenpolitisch tragfähige Kompromisse und Veränderungen in diesen Staaten herbeiführen. Doch statt einer demokratischen Transformation versank die Region im politischen Chaos. Woran scheiterte diese, bis heute nur in Tunesien einigermaßen gelungene, politische Transition? Da die Schwächen des institutionell-zivil agierenden Islamismus der Muslimbruderschaft später erörtert werden, liegt es nahe, das Problem der gewalttätigen Repressionsformen in den arabischen Republiken in den Blick zu nehmen.

Nach dem Verlust des arabischen Nationalismus als einheitsstiftender Ideologie ab den 1970er Jahren und infolge der ökonomischen Missstände und des starken Bevölkerungswachstums ab den 1990er-Jahren verließen sich die Staatsspitzen der arabischen Republiken auf ihre Sicherheitsapparate. Jegliche Opposition wurde unterdrückt, um die eigene Machtposition zu sichern. Dies führte zu einem enormen Misstrauen zwischen den ethnisch, familiär-tribal, sozial und konfessionell unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen der arabischen Staaten. Auch wenn Sprache und Symbolik des transnationalen Protestes des Jahreswechsels 2010/11 eine arabisch-progressive Identität vermittelten und vor allem Würde sowie Zivilität im Umgang miteinander einforderten, vermochten sie die in den Umbrüchen schonungslos zutage getretenen gesellschaftlichen Bruchlinien nicht zu überwinden.

Libyen zerfiel trotz Parlamentswahlen in Gebiete rivalisierender Warlords, die Gewalt des Assad-Regimes entzündete einen internationalisierten Bürgerkrieg in Syrien und in Ägypten inszenierte sich das Militär nach dem Sturz der Muslimbruderschaft im Sommer 2013 als einziger Garant eines stabilen, aber gänzlich unfreien Ägyptens. Somit kam es nicht zu einem Gewinn bürgerlicher Freiheiten, sondern zu einer Rückkehr der repressiven Sicherheitsapparate und zu einer schleichenden Brutalisierung der von Aufständen zerrütteten Gesellschaften. Diese boten zusätzlich einen Nährboden für das Anwachsen dschihadistischer Ideologien und Bewegungen. Somit trugen religiöse und ethnische Zugehörigkeiten in diesen mannigfaltigen Konfliktfeldern kaum zu einem gesellschaftlichen Ausgleich bei, sondern wurden zu einem medial gut zu transportierenden Vehikel, um rivalisierende Identitäten anzufachen und Gewalt gegen Andersgläubige zu legitimieren.

Unterdrückung der Muslimbruderschaft und der Aufstieg des IS

Die Stärken und Schwächen des transnationalen Islamismus sind eine Art Spiegel der gesellschaftlichen Zustände in der arabisch-islamischen Welt. Das Verbot der Muslimbruderschaft und der kometenhafte Aufstieg des IS zeigen bestimmte Trends wie in einem Brennglas vergrößert auf. So war es neben der palästinensischen Hamas ebenjene Muslimbruderschaft, die zum Zankapfel in der aktuellen Krise zwischen Katar und seinen Nachbarn unter der Führung von Saudi-Arabien geworden war.

Das Emirat Katar gewährt Mitgliedern der ägyptischen Muslimbruderschaft seit Jahrzehnten Asyl und hatte zum Höhepunkt der Protestwelle 2011 über seinen Medienkonzern Al Jazeera die kurzlebige Partei der Muslimbruderschaft, die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, medial gekonnt als Speerspitze einer islamischen Demokratisierungswelle in Szene gesetzt. Für Saudi-Arabien hingegen stellt die Muslimbruderschaft ein als »terroristisch« gebrandmarktes Sicherheitsrisiko dar. Wie man es auch dreht und wendet, das Ergebnis einer Demokratisierung durch zivil agierende Islamisten à la Muslimbruderschaft bleibt äußerst unbefriedigend: Entweder sind die Muslimbrüder und ihre Ableger ideologisch wie auch organisatorisch kaum dazu in der Lage, ernsthafte politische Reformen umzusetzen, oder sie fallen regionalen Machtansprüchen, wie demjenigen Saudi-Arabiens, schlicht zum Opfer. Es ist damit weiterhin politisch nicht geklärt, ob und wie stark islamisch geprägte Gruppen in der arabischen Welt mit einem pluralistischen und freien Herrschaftssystem zu vereinbaren sind.

Der IS, seine zahllosen paramilitärischen und terroristischen Gräueltaten und die weltweite Ausbreitung seiner dschihadistischen Ideologie verdeutlichten weithin ungeklärte Fragen in der islamischen Welt: Kann und darf Gewalt religiös legitimiert werden? Ob und unter welchen Bedingungen dürfen Menschen als Ungläubige bezeichnet werden? Wie ist das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten? Es ist diesbezüglich zu betonen, dass der IS und seine Sympathisanten theologisch höchst selektive und grausame Antworten auf diese Fragen geben. Diese sind zudem nicht mehrheitsfähig in der islamischen Welt. Nichtsdestotrotz zeigen der große Zustrom von ausländischen Terroristen und die Vielzahl von Anschlägen weltweit, dass der salafistische Dschihadismus in einer Phase sozialer sowie politischer Missstände vom Maghreb über den Maschrek bis hin zum Persischen Golf Menschen in muslimischen Ländern und in der westlichen Islam-Diaspora anzusprechen vermag.

Folglich ist es zweifelhaft, ob die Ideologie des IS mit einem militärischen Sieg des Westens über diese Terrorgruppe aus den sozialen Medien und Vorstellungswelten der Muslime, hauptsächlich junger, verschwinden wird.

Zwischen Religionspolitik und Gewaltideologien

Das Phänomen des transnationalen Islamismus lässt sich hinsichtlich seiner weltpolitischen Bedeutung nicht mehr nur allein durch eine Analyse seiner facettenreichen Bewegungen und Ideologien bestimmen, sondern ist eng mit religionspolitischen Entwicklungen in der islamischen Welt verbunden. Mit der schon seit Langem festgestellten »Rückkehr der Religionen« kommen für die mehrheitlich islamischen Länder ganz neue gesellschaftspolitische Probleme auf die Agenda der nationalen und internationalen Politik.

Die Türkei unter der AKP hat im Spannungsfeld von Kemalismus und türkisch-nationalem Islamismus den Pfad einer Aussöhnung zwischen Verwestlichung und stärkerer Berücksichtigung traditionell islamischer und osmanischer Politikbestände inzwischen verlassen. Neben einem Rückfall in repressiv-autoritäre Zustände, die sich kaum noch von denen in den arabischen oder zentralasiatischen Nachbarstaaten unterscheiden, steht eine Rückbesinnung auf den sunnitischen Islam weit oben auf der Agenda der türkischen Regierung. Und wie der IS im lokalen Bereich des Irak und Syriens seit den Tagen seiner Gründungsfigur, des Jordaniers Abu Musab al-Zarqawi, die Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten gnadenlos für seine eigenen Zwecke ausnutzt und einen brutalen und rücksichtlosen konfessionellen Bürgerkrieg schürte, so schwelt weiterhin der überregionale Konflikt zwischen dem schiitischen Iran und der wahhabitischen Monarchie Saudi-Arabien. Nicht nur durch den Syrienkonflikt und die Intervention Russlands seit 2015, sondern auch aufgrund des Krieges in Jemen und des jüngsten Konfliktes um Katar hat diese regionalpolitische Querele zwischen zwei Staaten mit globalem religionspolitischen Führungsanspruch unlängst geopolitische Dimensionen erreicht.

Ausblick

Der politische Islam kann in seinen zivilen oder militanten Ausprägungen, seinen sunnitischen oder schiitischen Spielarten nicht mehr nur als eine gesellschaftliche Reaktion auf die westlich induzierten Modernisierungs- und Säkularisierungsprozesse im frühen 20. Jahrhundert erklärt werden. Vielmehr hat sich der Islamismus im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert zu einem dynamischen und höchst umstrittenen Bereich islamischer Gesellschaften entwickelt. In dieser Form bleibt er weltpolitisch äußerst bedeutsam, da er über vielfältige Verbindungslinien mit den religionspolitischen Entwicklungen in der islamischen Welt verschränkt ist und somit die Zukunft der Zivilisation des Islam im Guten wie im Schlechten weiterhin prägen wird.

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