Ein Nest in der Tiefebene

Miteinander, nebeneinander: Im serbischen Subotica leben auch viele Ungarn - regiert von einem Rechtspopulisten

Das in neuem Glanz erstrahlende Nationaltheater
Das in neuem Glanz erstrahlende Nationaltheater

Als Péter Esterházy den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, begann er seine Dankadresse mit einem Zitat: »Ein jeder Festredner ist schrecklich.« Aha, dachte das Publikum, Esterházy hat die Eingangszeile aus Rilkes »Duineser Elegien« auf seine Zwecke umgedichtet! Hatte er nicht. Bereits im nächsten Satz bekannte der ungarische Autor, sich bei einem Landsmann und Kollegen bedient zu haben. Der hieß Dezsö Kosztolányi, sein bekanntester Roman »Ein Held seiner Zeit«, und dessen Hauptfigur Kornél Esti. Immer wieder spielte Esterházy in seiner Rede auf jenen Helden aus seiner Jugend an.

Idyllle pur – die Silhouette von Subotica
Idyllle pur – die Silhouette von Subotica

Kornél Esti ist Dezsö Kosztolányis Alter Ego. Der Schöpfer lässt seine Figur in Sárszeg leben und wirken, oder besser: sein Unwesen treiben, denn Kornél ist ein unverbesserlicher Taugenichts. Auch Kosztolányi hatte bereits als Jugendlicher einiges auf dem Kerbholz. Nach einem Zerwürfnis mit einem Lehrer war er von der Schule geflogen. Selbst sein Vater konnte ihn nicht retten, obwohl er dort den Direktorenposten innehatte. Das Abitur holte Kosztolányi im nahen Szeged nach. Heute könnte er dies nicht, eine Staatsgrenze trennt seine Geburtsstadt in der serbischen Vojvodina von Szeged.

Sárszeg ist genau genommen kein Ort, sondern ein Pseudonym für eine Stadt, die früher Szabadka hieß und heute Subotica heißt. Ein »Tiefebene-Nest« schimpft Kosztolányi sein Domizil, »drückend und staubig, die Abende lang und dunkel«, ohne Abwechslung, ohne Lichtblick, denn »im Theater wurden schlechte Stücke gespielt«.

Das Theater war in Szabadka und später in Subotica immer schon ein Zankapfel. Mitte des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil erbaut, passte es schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr recht ins Stadtbild. In Szabadka setzte man auf den Jugendstil, davon profitiert Subotica bis heute. Ob es vernünftig war, das Stadttheater abzureißen und durch einen geleckten Neubau, nun in Weiß statt in Rötlichbraun gehalten, zu ersetzen? Vor zehn Jahren, als dies geschah, protestierten Bürgerinitiativen in Ungarn und in Serbien gemeinsam gegen den Abriss. Vergeblich - und doch Zeichen einer lange vermissten Völkerverständigung.

Als Dezsö Kosztolányi geboren wurde, 1884, gehörte Szabadka zur ungarischen Hälfte der k.u.k.-Doppelmonarchie. Nach dem Untergang des Habsburgerreichs fiel die Provinzmetropole an das Vereinte Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten sich in Subotica, nun Teil der autonomen jugoslawischen Region Vojvodina (ungarisch: Vajdaság), immer noch mehr als zwei Drittel der knapp 100 000 Einwohner zur ungarischen Herkunft und Kultur.

Mittlerweile ist ihr Anteil auf ein Drittel geschrumpft. Immer noch stellen die Magyaren die Bevölkerungsmehrheit, wenn auch nur eine relative. Die zweitgrößte ethnische Gruppe bildet das Staatsvolk, die Serben. Bleiben fast 40 Prozent übrig: Sie verteilen sich auf römisch-katholische, slawische Bunjewatzen, Kroaten, Angehörige von Völkern des ehemaligen Jugoslawien sowie Roma, die sich, wie fast überall in Europa, mit einem Bekenntnis zu ihrer Ethnie schwer tun, vor allem aus Angst, diskriminiert zu werden.

In Subotica sind alle Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude zweisprachig ausgeschildert. Über dem Theater prangt in kyrillischer Schrift die serbische Bezeichnung »Narodno pozorište«, Volkstheater, und darunter die ungarische Entsprechung, »Népszínház«. Fragt man in der Touristeninformation nach der Verbundenheit der beiden größten Bevölkerungsgruppen, kommt eine ausweichende Antwort: Man käme schon miteinander klar. Ist das nun ein Bekenntnis zum Mit- oder zum Nebeneinander? In anderen Fragen ist die Auskunftfreude wesentlich ausgeprägter, etwa wenn es um die beiden berühmtesten Söhne der Stadt geht, Dezsö Kosztolányi und seinen ebenfalls schriftstellernden Cousin, Géza Csáth. Klar, der freundliche junge Mann im Fremdenverkehrsbüro ist Ungar!

Vielleicht findet sich an anderer Stelle eine Antwort auf die Nationalitätenfrage? Die Synagoge von Subotica war 1902 das erste Szabadsager Gebäude, das im spezifisch ungarischen Sezessionsstil erbaut wurde. Das Rathaus, bald Wahrzeichen der Stadt - seine filigrane Pracht überstrahlte die der Kirchen bei weitem - sowie zahlreiche Bauten im benachbarten Palić folgten. Plan und Ausführung stammten jeweils von zwei Budapester Architekten. Marcell Komor kümmerte sich um die Konstruktion, Dezsö Jakab bis ins kleinste Detail um die Ornamentik. Charakteristisch sind die stilisierten Lilien, Tulpen und Rosen, als Wand- und Deckenbemalung und als Verzierung der Glasfenstern. Die Fassade ist mit eosinbeschichteten Keramikfliesen der Firma Zsolnay aus Pécs dekoriert, ebenso die Dachziegel. Auch nach mehr als einem Jahrhundert glänzen sie wie neu, ohne dass eine besondere Reinigung stattgefunden hätte. Im Innern der Synagoge stützen acht Säulen die zentrale Kuppel. Obwohl aus Stahl, passen sie sich in ihrer Eleganz dem opulenten Ambiente nahtlos an.

In der Ära Tito war das Gebäude dem Verfall preisgegeben. Erst nach dem Tod des Autokraten begannen zaghafte Renovierungsarbeiten, die nach der Auflösung Jugoslawiens im dann eigenständigen Serbien intensiviert wurden. Heute kümmert sich in erster Linie ein ungarisch dominierter Verein um die Ausbesserungsarbeiten. Am Wochenende hat er in der Synagoge, die gewöhnlich nur dienstags bis freitags geöffnet ist, einen Informationsstand aufgebaut. Dort erfährt der Besucher, dass nicht nur der in New York ansässige World Monuments Fund, sondern auch das serbische Kulturministerium und die Europäische Union zur Restaurierung beitragen.

Ob sich auch der ungarische Staat beteiligt? Warum sollte er, kommt die Gegenfrage von einem der Standbetreiber. Viktor Orbán mische sich zwar gerne in die Angelegenheiten der Auslandsungarn ein. Vor drei Jahren war Ungarns Regierungsoberhaupt extra aus Budapest angereist, um eine lebensgroße Bronzestatue Dezsö Kosztolányis einzuweihen. Das festliche Ereignis nutzte Orbán gleich als Wahlkampfauftritt. Der Premierminister schwadronierte davon, jenseits der Staatsgrenze ansässige mit inländischen Magyaren rechtlich gleichzustellen; ganz einfach durch Ausweitung des Wahlrechts auf alle im Ausland lebenden Ungarn.

Von dem Angebot würde wohl niemand am Stand Gebrauch machen. »Wenn ich wählen gehe, dann dort, wo ich wohne«, lautet der erste Kommentar. Für die Rechte der Ungarn zu kämpfen sei schon in Ordnung, findet ein Student, der in den Semesterferien den Eintritt im Gotteshaus kassiert. »Doch warum soll ich mich in einem fremden Land engagieren, selbst wenn es das Land meiner Vorväter ist? Ich habe niemanden von ihnen persönlich gekannt. Schon mein Großvater war Jugoslawe.« Eine Mittdreißigerin, ebenfalls ungarischstämmig, will mit Orbán nichts zu tun haben: »Er interessiert mich nicht. Auch seine Partei Fidesz interessiert mich nicht. Mich interessiert Subotica, meine Heimatstadt, und die Vojvodina, meine Heimatregion. Hier wohne ich, hier fühle ich mich wohl, und das soll auch so bleiben.«

Verschiedene Staats- und Volkszugehörigkeiten scheinen im multiethnischen Subotica durchaus möglich. Erstere ist politischen, letztere kulturellen Gründen geschuldet. Hauptidentifikationsfaktor ist die Sprache. Die Ungarn lesen ihre Zeitungen, verfolgen ihr regionales Fernsehprogramm, wählen ihre Parteien. Doch den Bürgermeister stellen sie seit Sommer 2016 nicht mehr. Jetzt regiert die Stadt ein nationalkonservativer Serbe, Bogdan Laban, ein Anhänger des Präsidenten Aleksandar Vučić, dessen Partei zwischen österreichischer FPÖ und polnischer PiS anzusiedeln ist.

Für die ethnischen Ungarn könnte sich in absehbarer Zeit einiges ändern. Eine solche Befürchtung äußert ein Angehöriger der Volksgruppe, der sich im prächtigen Foyer der Sparkasse vor dem Wechselhäuschen eingereiht hat. Auch dieser Jugendstilbau wurde von Komor und Jakab entworfen, mittlerweile hat die Piraeus Bank das Geldinstitut übernommen. Da die Schlange vor der Kasse nicht kleiner werden will, hat der recht gesprächige Suboticer ausreichend Zeit, sein Leid zu klagen. Seit dem Zerfall des Kommunismus hätten nur zweimal Serben die Stadt regiert, beide Angehörige der gemäßigt linken Demokratischen Partei. Jetzt aber lenke erstmals ein erwiesener Rechter die Geschicke der Stadt. Ein Grund zum Auswandern? Niemals! Es folgt eine weitere Suada, diesmal ist Viktor Orbán der Adressat.

Was wohl Kosztolányi dazu gesagt hätte? Gegenüber dem autoritären Regime Miklós Horthys, der Ungarn in der ganzen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen regierte, äußerte er sich selten kritisch. Nachdem Kosztolányi seine wilde Jugend hinter sich gelassen und erste, noch zaghafte Erfolge als Autor gefeiert hatte, legte er sich bürgerliche Umgangsformen zu und hegte eine erzkonservative Einstellung. Die ganz große Schriftstellerkarriere war ihm zu Lebzeiten nicht mehr beschieden. Kosztolányi starb mit 51 Jahren, an Mundhöhlenkrebs.

Viel kürzere Zeit auf Erden und entsprechend weniger Ruhm war seinem Vetter vergönnt. Vom literarischen Schaffe Géza Csáths, drei Jahre später als Kosztolányi geboren und noch wilder als der Cousin, zeugen lediglich zwei Bändchen mit kurzen Geschichten und ein unvollständiges Tagebuch. Immerhin haben sie ihm in Subotica ein Denkmal gesetzt, eine Bronzebüste. Csáth kam im September 1919 beim Versuch ums Leben, aus der kurz zuvor serbisch gewordenen Vojvodina nach Budapest zu fliehen. Bereits schwer drogensüchtig und zeitweise dem Wahn verfallen, hatte er zuvor seine Frau Olga Jónás umgebracht. Als ihn an der Grenze, die es früher nicht gab, jugoslawische Beamte festnehmen wollten, sprang er in einen Straßengraben und nahm alle mitgeführten Drogen auf einmal.

Dezsö Kosztolányi und Géza Csáth, erst posthum zu Anerkennung und Ehren gekommen, und eine Reihe fantastischer Jugendstilbauten stehen für das magyarische Erbe Suboticas, einer Stadt, die geografisch mitten in Europa liegt und doch nur wenige Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt ist.

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