Werbung

Libanon im Auge des Sturms

Rätselraten um Aufenthaltsort des Ministerpräsidenten des Landes in Saudi-Arabien

  • Von Karin Leukefeld, Beirut
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Libanesische Medien wie die Beiruter Zeitung »Al Akhbar« hatten bereits am Tag nach der Rücktrittserklärung von Ministerpräsident Saad Hariri am Sonnabend vor acht Tagen berichtet, dass Hariri in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad kein freier Mann sei. Am Wochenende bestätigte der gewöhnlich gut von Sicherheitskräften aus aller Welt unterrichtete US-Journalist David Ignatius in der »Washington Post« das, was in Libanon schon vermutet worden war. Die Art der Informationen legt nahe, dass die Quellen jene Personen waren, die für die Sicherheit des libanesischen Ministerpräsidenten zuständig waren und sind.

Demnach hatte Hariri am 30. Ok-tober in Riad den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman getroffen. Hariri habe nach seiner Rückkehr in Beirut die Regierung über das Treffen unterrichtet. Kronprinz Mohammed wolle Pläne für eine internationale Wirtschaftskonferenz für Libanon in Paris unterstützen, ebenso ein Treffen in Rom, wo es um Lieferungen für die libanesische Armee gehen sollte. Zudem sei ein saudisch-libanesischer Wirtschaftsrat eingerichtet worden, der Investitionen für Libanon zu fördern habe.

Salman habe klar gemacht, dass Libanon keineswegs zur Gegnerschaft Saudi-Arabiens gezählt werde, obwohl Riad gegenüber Iran schärfere Töne anschlagen werde. Die schiitische Republik Iran ist mit der ebenfalls schiitischen libanesischen Partei Hisbollah verbündet, gegen die derzeit in Libanon nicht regiert werden kann. Von der in Saudi-Arabien herrschenden islamisch-sunnitischen Richtung des Wahhabismus werden die Schiiten als Ungläubige behandelt. Der Sunnit Hariri wollte erneut vor einer Woche nach Riad zu reisen.

Nach einem Treffen mit Ali Akbar Velayati allerdings, dem außenpolitischen Berater des iranischen obersten geistlichen Führers, Ali Khamenei, wenige Tage zuvor in Beirut, ging auf einmal alles sehr schnell. Hariri wurde vom Protokoll des saudischen Kronprinzen aufgefordert, umgehend nach Riad zu kommen. Am Samstag vor acht Tagen sei Hariri zu früher Stunde vom Kronprinzen einbestellt worden, danach verlor sich für die libanesischen Quellen für etliche Stunden jede Spur des Ministerpräsidenten. Als nächstes habe man ihn dann im Fernsehen gesehen, wo er seine Rücktrittserklärung verlas. Diese sei in einer für Hariri unüblich feindseligen Sprache verfasst gewesen. Keiner der Redenschreiber für Hariri sei konsultiert worden.

Die folgenden Tage habe Hariri in einer Villa auf dem Gelände des Ritz-Carlton Hotels verbracht, so die Quellen weiter. Dort wurden zum gleichen Zeitpunkt zahlreiche saudische Prinzen und Geschäftsleute festgehalten, die von einem neu gegründeten Anti-Korruptions-Komitee festgenommen worden waren.

Die Umstände der Rücktrittserklärung deuten darauf hin, dass Hariri unter erheblichem Druck des saudischen Kronprinzen gehandelt haben muss. Möglicherweise wurden finanzielle Ungereimtheiten und Schulden seiner im Sommer Bankrott gegangenen Baufirma Saudi Oger benutzt, um Hariri unter Druck zu setzen. Klar ist aber auch, dass der besonnene Umgang, den Hariri im Rahmen seiner politischen Amtszeit als Ministerpräsident mit der politischen Gegnerin Hisbollah gezeigt hatte, dem saudischen Kronprinzen nicht gefallen haben kann. Der fährt einen scharfen Konfrontationskurs gegen Iran ebenso wie alle nichtsunnitischen Gemeinschaften in Syrien als auch in Jemen.

Was dort nicht gelungen ist - die Schwächung des regionalen Konkurrenten Iran - soll nun offenbar in Libanon versucht werden. Saudische Staatsbürger wurden aufgefordert, das Land zu verlassen, in Libanon fürchtet man Sanktionen und die Ausweisung libanesischer Bürger aus Saudi-Arabien.

In Libanon selbst hat die saudische Aggressivität indes zu einem Schulterschluss geführt. Am Sonntag beteiligten sich mehr als 45 000 Menschen am jährlichen Marathonlauf in Beirut, an dem sonst auch Hariri teilgenommen hatte. Präsident Michel Aoun hatte angeregt, dass der Marathon für die Rückkehr Hariris gelaufen werden sollte.

Von Saudi-Arabien forderte Aoun Aufklärung über den Aufenthalt Hariris. Saudi-Arabien solle erläutern, was Hariri an einer Rückreise hindere. Entlang der Laufstrecke waren große Transparente gespannt, Teilnehmer und Zuschauer trugen Hüte oder Poster auf denen zu lesen war: »Wir laufen für dich« oder »Wir wollen unseren Ministerpräsidenten zurück.« Ein Teilnehmer sagte der Nachrichtenagentur AP: »Wir sind müde von den Kriegen. Wir wollen nicht, dass man in unserem Land miteinander abrechnet oder sich bekämpft. Schluss damit.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen