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Kreuzberger Widerstandspunkt

Die Mietinitiative »GloReiche« eröffnet Nachbarschaftsladen

Der Mieterprotest in der Reichenberger Straße hat jetzt eine Anlaufstelle.
Der Mieterprotest in der Reichenberger Straße hat jetzt eine Anlaufstelle.

Kahle, weiß gestrichene Wände und neugemachte Böden: Im spartanischen Schaufensterladen der Initiative »GloReiche« riecht es nach Renovierung. Wie in einer Kommandozentrale tagen Mietaktivist Stefan Klein und zwei Mitstreiter am Tisch. Der leere Raum soll so bleiben, um als multifunktionale Einrichtung allen möglichen Anti-Gentrifizierungsinitiativen eine Fläche zum Arbeiten und Treffen zu bieten.

»Wir haben bislang auf den Straßen Stände gemacht, um uns als ›GloReiche‹ zu zeigen. Doch es fehlte uns ein fester Ort mit festen Zeiten. Die Leute sollen sich hier untereinander vernetzen, um mehr politischen Eindruck und Druck zu erzeugen«, erklärt Klein. In den Räumen sollen Aktionen vorbereitet, Flyer erstellt und Banner gemalt werden. Der Laden in der Liegnitzer Straße 18 soll als Widerstandspunkt wahrgenommen werden. Jeden Dienstag und Donnerstag kommen dort ab 17 Uhr Aktivisten zu einem offenen Treffen zusammen.

Die Initiative gründete sich vor einem Jahr aus Protest gegen die Schließung der Bäckerei »Filou«. Diese lag an der Ecke Glogauer Straße und Reichenberger Straße, woraus sich der Abkürzungsname »GloReiche« bildete. Die Initiative organisiert Kundgebungen, Infostände und Protestaktionen gegen die Gentrifizierung. »Konkret versuchen wir natürlich, betroffene Mieter oder Gewerbetreibende unter die Arme zu greifen.«

Klein erzählt von der Bäckerei »Süß & Herzhaft«, die von der Familie Uzumer betrieben wurde und ein beliebter Treffpunkt im Kiez war. Im Oktober musste sie schließen - nach einer Mieterhöhung kam die Kündigung, für Hilfe war es bereits zu spät. »Die Leute hatten keinen festen Anlaufpunkt. Hätten sie den gehabt, hätten wir vielleicht mehr tun können« meint Klein.

Abhilfe soll nun der Nachbarschaftsladen schaffen, der in einem selbstverwalteten Hausprojekt liegt. Laut Initiative vermachte der frühere Eigentümer das Haus an die Mieter unter der Auflage, die Wohnungen nicht zu verkaufen und basisdemokratisch über dessen Zukunft zu entscheiden. Die Miete zahlen die Bewohner über einen Verein sozusagen an sich selbst. Es soll ein »sicherer Ort« sein, eine »Anlaufstelle für alle, die Angst vor Verdrängung haben und Unterstützung sowie ein offenes Ohr suchen«, erklärt ein Aktivist von »GlorReiche«.

Hintergrund der Mietinitiative ist die angespannte Mietsituation im Kiez. In der nahgelegenen Oranienstraße ist gerade ein ganzer Häuserblock von Entmietung bedroht. Gewerbetreibende verdunkelten aus Protest im Oktober ihre Schaufenster, um zu zeigen, wie die Straße ohne sie aussehen würde.

Immobilienfirmen, ausländische Holdings und Spekulanten kaufen die beliebten Kreuzberger Häuser und verkaufen manche wieder zu einer höheren Beträgen. »Jeder versucht den größten Preis aus den Wohnungen rauszuschlagen. Das ist ein Tulpenmarkt, der hier entsteht«, konstatiert Klein. In den Niederlanden gab es im 17. Jahrhundert eine riesige Finanzblase auf dem Blumenmarkt. Spekulanten steigerten den Wert einzelner Tulpen auf den von ganzen Häusern, bis die Blase schließlich platzte.

Ein weiteres Problem in der Nachbarschaft: »Wenn jemand aus einer Wohnung auszieht, wird diese saniert und möbliert, um sie anschließend mit Halbjahresverträgen um 30 bis 40 Prozent teurer zu vermieten, vor allem an ausländische Firmenmitarbeiter«, erzählt ein Aktivist. Bei Vermietung möblierter Wohnungen gilt nicht die Bindung an den Mietspiegel.

Die Initiative vergleicht die Gentrifizierung in Kreuzberg mit einem Tsunami, der durchs Viertel geht. Dagegen will sie ankämpfen. Stefan Klein hält fest: »Wir wollen, dass die Bundesgesetze geändert und die Schlupflöcher in den Milieuschutzsatzungen angepasst werden. Und vor allem, dass die energetische Sanierung nicht mehr als Instrument der Mietverteuerung dient«.

Am Donnerstag um 17 Uhr begeht »GloReiche« zusammen mit der Gruppe »Bizim Kiez« einen »Laternenumzug gegen Verdrängung« in der Oranienstraße.

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