Wirtschaft fürchtet harten Brexit

Premierministerin May muss sich in London die Sorgen europäischer Konzerne anhören

  • Von Ulrich Glauber, Frankfurt/Main
  • Lesedauer: 3 Min.
»Business as usual« nach dem Brexit? Die Wirtschaft glaubt nicht daran. Grafik: imago/Jonathan McHugh
»Business as usual« nach dem Brexit? Die Wirtschaft glaubt nicht daran. Grafik: imago/Jonathan McHugh

Die offizielle Begründung der Einladung in die Downing Street muss den Gästen wie Hohn in den Ohren geklungen haben, darunter der deutsche BDI, Medef aus Frankreich, Confindustria aus Italien, CEOE aus Spanien und VNO-NCW aus den Niederlanden sowie einige britische Wirtschaftsverbände. Man wolle »die gemeinsamen Chancen besprechen, die sich für die Industrie dadurch eröffnen, dass das Vereinigte Königreich seinen Ausstieg aus der EU vorbereitet«, hieß es. Tatsächlich befürchten die Unternehmer wegen des Verhandlungspatts zwischen Brüssel und London einen Austritt der Briten aus der EU ohne gegenseitige Vereinbarung - »no Deal«.

Die Verbandsvertreter drängten deshalb am Montag vor allem darauf, doch noch ein Regelwerk für den Abschied der Briten auszuhandeln - und das rasch. »Die Wirtschaft ist extrem besorgt über das langsame Verhandlungstempo und die geringen Fortschritte nur einen Monat vor der Entscheidung des Europäischen Rats über den Einstieg in die nächste Verhandlungsebene«, sagte Präsidentin Emma Marcegaglia vom europäischen Wirtschaftsdachverband BusinessEurope nach dem Treffen.

Nicht einmal 17 Monate bleiben den Firmen bis zum anberaumten Austrittstermin - dem 30. März 2019 punkt 00:00 Uhr Brüsseler Zeit. Für Betriebe mit langen Investitionszeiträumen und wegen der regulatorischen Fristen sei das praktisch »wie morgen«, sagte der Vertreter eines deutschen Industrieverbandes.

Ohne einen Deal wären die Folgen für die Ökonomie noch schlimmer als ohnehin schon. »Wie die EU ist Großbritannien Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und muss sich auch nach einem harten Brexit an die Regeln der Organisation halten«, erläuterte Gabriel Felbermayr, Außenhandelsforscher am Münchener Ifo-Institut, jüngst in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Großbritannien dürfte sich bei der Festsetzung der Zölle an den Sätzen orientieren, welche die EU gegenüber Drittländern erhebt. Sie liegen bei durchschnittlich fünf Prozent.

»Allein im Automobilsektor drohen bei der Ausfuhr von Kraftfahrzeugen 2,35 Milliarden Euro zusätzliche Zollkosten«, fasst Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben Berechnungen des Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zusammen. Bei Autos erhebt die EU für Drittländer aktuell einen Zoll von zehn Prozent. Wenn London sich daran orientierte, wäre das besonders für die deutsche Autoindustrie bitter. Die Branche exportierte im vergangenen Jahr Fahrzeuge und Fahrzeugteile im Wert von 30 Milliarden Euro nach Großbritannien.

Umgekehrt warnte der US-Hersteller Ford, der in Großbritannien Motoren größtenteils für die Montage jenseits des Ärmelkanals baut, jüngst den Wirtschaftsausschuss des Londoner Unterhauses, die gesamte Antriebsfertigung auf der Insel könnte gefährdet sein. Holger Görg vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel bezweifelt, dass Luxushersteller wie Land Rover oder Jaguar angesichts der Zollkosten auf dem Kontinent mithalten könnten.

Fast mehr als die Zölle fürchten die Unternehmen die sonstigen Zusatzkosten. Es geht um den »nicht-tarifären« Aufwand durch abweichende Regularien und unterschiedliche Zertifizierungen in verschiedenen Ländern. So können etwa Änderungen bei Schadstoffgrenzwerten in Lebensmitteln aufwendige Kontrollen bei den gegenseitigen Importen nach sich ziehen. Der DIHK geht davon aus, dass für den Handel mit Großbritannien 15 Millionen neue Zollpapiere - Zollanmeldungen und Präferenznachweise - bei deutschen Unternehmen erforderlich sein werden. Allein im deutsch-britischen Handel müssen die Firmen der beiden Länder laut DIHK eine Milliarde Euro an zusätzlichen Verwaltungskosten aufbringen.

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