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Deutschland ist ein reiches Land

Das Gesamtvermögen der Bundesbürger beträgt rund 14 Billionen Euro. Was das eigentlich bedeutet, hängt von der jeweiligen Statistik ab

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.« Dieses berühmte Zitat wird - wohl irrtümlich - dem früheren britischen Premierminister Winston Churchill zugeschrieben. In diesem Spruch steckt leider mehr als ein Körnchen Wahrheit. Denn selbst die beste Statistik kann nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit beleuchten. Das zeigt sich auch beim Reizthema Arm-Reich. Medien, Sozialverbände und Politiker interpretieren neue Zahlen üblicherweise als dramatische Zuspitzung der sozialen Lage. Dieser Reflex trifft auch die jüngst vom Statistischen Bundesamt (Destatis) veröffentlichten Daten. Dabei ließe sich aus der »Europäischen koordinierten Haushaltbefragung« (EU-Silc) mit zumindest dem gleichen Recht positiv herauslesen, dass 500 000 Menschen weniger in Armut leben als im Vorjahr, und damit nun kaum vier Prozent der Bevölkerung in armen Verhältnissen.

Andere Zahlen wirken anders: Mit 16,5 Prozent der Bevölkerung war jede sechste Person 2016 »armutsgefährdet«. Nach der Definition für EU-Silc ist dies ein Mensch, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens bezieht. Andere offiziöse Studien (Mikrozensus, SOEP) kommen allerdings zu erheblich abweichenden Ergebnissen.

Die Krux liegt neben der Erhebung der Daten in der Definition. Durch die günstige Wirtschaftskonjunktur und die wachsende Beschäftigtenzahl steigt das durchschnittliche Einkommen. Die »Armutsgefährdungsquote« nimmt dann schnell zu, obwohl die Einkommen in den unteren Bevölkerungsschichten ebenfalls gestiegen sind. Außerdem ändert sich durch Flucht und Migration die Zusammensetzung der Bevölkerung, also der »Grundgesamtheit«. Unterm Strich lag 2016 der Schwellenwert für eine alleinlebende Person bei 1064 Euro Monatseinkommen, für zwei Erwachsene mit zwei kleinen Kindern bei 2234 Euro.

Vermögensfragen spielen statistisch eigentlich keine Rolle. Amtliche Daten fehlen nämlich, da keine Vermögensteuer mehr erhoben wird. Über alle Klassen hinweg liegt die Sparquote stabil bei rund 10 Prozent des Volkseinkommens. Das Gesamtvermögen der privaten Haushalte belief sich 2016 nach Schätzungen des Raiffeisenverbandes BVR auf über 14 Billionen Euro.

Doch »Vermögen« sind nicht allein Geldanlagen. Im Vermögen enthalten sind auch knapp fünf Milliarden Euro für Bauten, knapp drei Milliarden für Landeigentum und eine Milliarde für »Gebrauchsvermögen« wie Autos und Möbel. Die Bundesbank taxiert in ihrer Vermögensbilanz den privaten Vermögensbestand etwas niedriger. Kapitalgesellschaften verfügen danach sogar über 21 Billionen Euro, der Staat über drei Billionen. Schulden bleiben unberücksichtigt.

So viel scheint sicher, die privaten Vermögen nehmen zu. Dahinter stecken allerdings zwei Sonderfaktoren. Die Niedrigzinsphase seit der Finanzkrise hat Baukredite verbilligt, immer mehr privat finanzierte Eigenheime, Ferienwohnungen und Gewerbeimmobilien entstehen - und steigen rasant im Vermögenswert, weil die Nachfrage explodiert. Außerdem hat das billige Geld, mit dem die Notenbanken die Finanzmärkte fluten, die Aktienkurse in schwindelerregende Rekordhöhen getrieben.

Und diese Privatvermögen sind in Deutschland »sehr ungleich« verteilt, meint die Hans-Böckler-Stiftung: Der sogenannte Gini-Koeffizient komme in der Eurozone nur in Österreich auf einen ähnlich hohen Wert. Allerdings stammen die nicht-offiziellen Gini-Daten von 2014. Aus gängigen Studien kann wenigstens ein Trend herausgelesen werden: Das untere Drittel spart nicht und hat häufig Schulden, das mittlere Drittel spart in bescheidenem Umfang und das obere Drittel legt monatlich erhebliche Summen zurück.

Ganz oben gibt es laut Boston Consulting eine halbe Million Millionärshaushalte - so viele wie in der Schweiz. Das reichste Prozent der Haushalte dürfte laut einer Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rund ein Drittel des Gesamtvermögens besitzen - und nicht nur ein Fünftel, wie andere Methoden ermitteln. Und dann bleibt noch eine Dunkelziffer. In Steueroasen haben die Bundesbürger laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich noch weitere 500 Milliarden Euro geparkt.

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