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Verloren an den Islamismus

Yassin Musharbashs Thriller über eine der größten Herausforderungen des modernen Westens

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 4 Min.

Was treibt einen jungen deutschen Mann dazu, in den Krieg nach Irak oder Syrien zu ziehen, um für die Errichtung eines islamischen Staates zu kämpfen? Angetrieben von dieser Frage entwickelt Yassin Musharbash die spannende Geschichte des Gent Sassenthin, eines Mannes in seinen frühen Zwanzigern, der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zum Islam konvertiert.

Nachdem seine Schwester sich das Leben nimmt, ist Gent verzweifelt und verfällt in Depressionen. Im Islam findet er Zuflucht und Antworten auf die Fragen, die er sich stellt. Dass es der Islam ist, von dem er Hilfe erhofft, ist zunächst ein Zufall. Durch einen netten Taxifahrer kommt er zum ersten Mal mit dem Propheten in Kontakt. Zum Ende der Fahrt gibt ihm der Taxifahrer eine islamische Weisheit, ein Hadith, mit auf den Weg: »Der Pfeil, der dich treffen soll, wird dich nicht verfehlen. Und der Pfeil, der dich verfehlen soll, wird dich nicht treffen.«

Gent fragt den Fahrer nach seinem Namen und sucht den Mann kurz darauf in den Moscheen Berlins. Er findet ihn und besucht bald öfter die Moschee, in welcher er spricht. Die Beschäftigung mit dem Islam füllt ein Loch in Gents Leben. Er beginnt, Arabisch zu lernen und feiert nicht mehr Weihnachten. Seine Eltern bittet er darum, ihn Abdallah zu nennen, wie es seine muslimischen Brüder tun.

Gents Eltern tun sich schwer mit der Konvertierung ihres Sohnes, merken aber erst, dass sie ihn verloren haben, als er schon nicht mehr in Deutschland ist. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an eine Beratungsstelle, genauer gesagt, an den Mitarbeiter Titus Brandt, der etliche Familien betreut, deren Kinder sich radikalisiert haben und in den Dschihad gezogen sind. Dennoch fällt es ihnen schwer, sich Brandt zu öffnen, der für seine Arbeit so viel wie möglich über die Beziehung zu ihrem Sohn wissen muss.

Spätestens, als der Autor durch den Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, Sami Mukhtar, einen weiteren Erzählstrang aufmacht, merkt die Leserin, dass Musharbash ein Experte für islamistischen Terror ist. Der Einblick in Mukhtars Arbeit zeigt ein sehr realistisches Bild der deutschen Behörden: Rivalitäten zwischen dem Bundesnachrichtendienst und dem Verfassungsschutz, egozentrische Männer bestimmen das Bild. Die Zusammenarbeit der einzelnen Behörden mit der Presse funktioniert da besser, weswegen immer wieder sensible Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, noch bevor die jeweils andere Behörde informiert ist. Eine Journalistin namens Merle Schwab ist schließlich die letzte Hauptfigur, deren Erzählstrang mit Mukhtar eng verflochten ist. Die Figur der Journalistin zeigt, welchen moralischen Gewissensbissen Journalistinnen bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind und wie einfach ihnen ihre Geschichten entgleiten können.

Mit »Jenseits« zeichnet Musharbash nicht nur den Weg junger Islamisten nach, sondern auch die Schwächen unserer modernen, westlichen Kultur. Er selbst kennt sowohl die arabische als auch die deutsche Kultur, da er jordanische und deutsche Wurzeln hat. Dass er sich im Islam auskennt, ist auch seinem Studium der Arabistik und Politologie zuzuschreiben. Zunächst arbeitete er als Journalist für die »taz« und die »Jordan Times«, mittlerweile ist er im Investigativressort der »Zeit« tätig.

Nach dem islamistischen Attentat in Barcelona im August dieses Jahres ist umso klarer, wie aktuell Musharbashs Buch ist. Darin erzählt er von den verheerenden Auswirkungen eines terroristischen Attentats im andalusischen Córdoba. Auch hier thematisiert er das Versagen und die Untätigkeit der Sicherheitsbehörden.

Wenngleich Musharbash keine Antworten darauf geben kann, wie wir uns vor dem Islamismus schützen können, macht er es nachvollziehbar, warum sich Menschen in der Radikalität verlieren. Zudem gibt er einen tiefen Einblick in eine der größten Herausforderungen des Westens.

Die ganze Erzählung ist ein Thriller. Hat man einmal richtig angefangen zu lesen, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ein spannenderes und zugleich so aktuelles Buch wird man lange suchen müssen.

Yassin Musharbash: Jenseits. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 S., br., 14,99 €.

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