100 Euro Strafe für den Platzsturm

Sachsens Fußballverband fällt Urteile nach Übergriffen von Neonazis bei TSV Schildau - Roter Stern Leipzig

  • Von Ullrich Kroemer, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn ein von Neonazis durchsetzter Mob versucht, einen Fußballplatz zu stürmen, kostet das 100 Euro Strafe. Der zweimalige »Juden-Sterne«-Ruf eines betrunkenen Zuschauers wird mit 250 Euro sanktioniert - zumindest im sächsischen Amateurfußball: Diese Strafen verhängte das Sportgericht des Sächsischen Fußballverbandes (SFV) am Montag gegen den TSV 1862 Schildau. Roter Stern Leipzig hingegen muss 150 Euro Strafe dafür zahlen, dass seine Anhänger nach Spielschluss das Banner »Antifaschismus lässt sich nicht aussperren« zeigten. Schildau verbietet per Hausordnung jegliche Fanartikel und Meinungsäußerungen per Banner, was rechtlich umstritten, aber vom SFV anerkannt ist.

Beim Siebtliga-Kick des nordsächsischen Kleinstadtklubs gegen den antirassistischen Leipziger Verein am 15. Oktober waren neben den antisemitischen Rufen und dem versuchten Platzsturm auch etwa 30 Neonazis mit teils eindeutigen T-Shirt-Aufschriften (»NS ist machbar, Herr Nachbar«) und -Symbolen im Heimbereich eingelassen worden (»nd« berichtete). In den Urteilen, die dieser Zeitung vorliegen, findet sich das nicht wieder. Sachsens Verband erklärt auf Nachfrage, »dass für die Sicherheitskräfte des Vereins die Symbole unter Umständen gar nicht sichtbar waren«, etwa weil sie unter Jacken versteckt gewesen seien.

Auch dass die Gäste auf der Heimfahrt trotz Polizeieskorte gleich zweimal von Rechtsextremen angegriffen wurden, spielt im Urteil keine Rolle. Da dies außerhalb der Sportanlage geschah, ist der Verband zwar nicht zuständig; die Polizei ermittelt. Was jedoch die Gesamtbewertung der Zustände beim TSV 1862 Schildau angeht, wo Neonazis zumindest geduldet sind, sollte auch das nicht unerheblich sein. Immerhin bestätigte der SFV gegenüber »nd« nun, dass der Verband gemeinsam mit dem Landessportbund »Maßnahmen ergriffen« habe, um den TSV Schildau »diesbezüglich zu unterstützen«. Heißt: eine Intervention im Verein durch Demokratietrainer im Rahmen des Programms »Sport verein(t) für Demokratie«. Die Schildauer zeigten sich dabei »sehr kooperativ und entschlossen«, heißt es beim SFV.

Trotz überregionaler Schlagzeilen hatte der sächsische Verband nach den Vorfällen zunächst fast zwei Wochen geschwiegen, ehe er sich äußerte. Längst ist das Skandalspiel auch verbandsintern ein Politikum geworden: Neben den beschriebenen Vorfällen stand im Mittelpunkt, dass Spieler und Funktionäre des Roten Stern Aufwärm-T-Shirts mit der Auschrift »Nazis raus aus den Stadien« - eine Solidaritätsaktion mit dem SV Babelsberg 03 - ausziehen mussten. Sonst hätte der Schiedsrichter die Partie nicht angepfiffen.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner hatte daraufhin eine »laute und deutliche« Reaktion vom DFB gefordert. Eine Reaktion auf ihren Brief blieb bislang aus. Auf nd-Nachfrage erklärt Renner nun scharf: »Der DFB stellt sich mit seinem Schweigen zur Verurteilung des Roten Stern Leipzig durch das Sportgericht des sächsischen Fußballverbandes de facto auf die Seite der rechten Angreifer aus den Reihen des TSV 1862 Schildau.« DFB und sächsischer Fußballverband müssten »endlich Position beziehen und klarstellen, dass antifaschistische Transparente in Stadien keine sportrechtlichen Verstöße sind, sondern ein wichtiges und hochwillkommenes Engagement«.

Renner wirft dem SFV vor, er sei »mehr als nur auf dem rechten Auge blind, wenn das Sportgericht den Gewaltausbruch von Neonazis, die Hitlergrüße und antisemitischen Parolen mit einer geringen Geldbuße ahndet«. Die gleichzeitige Bestrafung des Roten Sterns stelle »eine unsägliche Botschaft der Gleichsetzung« dar.

Der sächsische Verband hatte sich 13 Tage nach dem Spiel allgemein »von jeder Form gewalttätigen, rassistischen und diskriminierenden Verhaltens« distanziert. »Wir verurteilen jeden Missbrauch von Spielen in unserem Verbandsgebiet, die zur Präsentation von rechtsradikalem Gedankengut genutzt werden«, teilte der SFV mit. Anders als üblich fehlte diesmal der Verweis auf Linksextremismus.

Doch was das Verbot der Anti-Nazi-Shirts betrifft, wand sich der SFV mit der Begründung heraus, das Leibchen sei nicht wegen drohender Provokation rechtsgerichteter Zuschauer und Vereinsmitglieder, sondern aufgrund nicht korrekter Spielkleidung moniert worden.

Das hatte sich in den Berichten von Schiedsrichter und Spielbeobachter noch ganz anders gelesen. In seinem Zusatzbericht zeigte der Referee die Aufschrift als »unsportliches Verhalten« an. »Hier geht es nur um Provokation und das Aussenden politischer Statements«, schrieb der Dresdner Unparteiische. Und: »Der Verein Roter Stern Leipzig 99 missbraucht den Fußball, den Verband und alle am Spiel beteiligten Personen für seine Zwecke.«

Der Spielbeobachter protokollierte zudem, dass gemeinsam mit der Polizei beraten worden sei, »dass sämtliche Shirts mit dieser Aufschrift zu Spielbeginn zu verschwinden haben, um mögliche Provokationen während des Spiels zu verhindern«.

Darauf mochte der SFV nicht näher eingehen. Ein Gremium habe sich intensiv mit den Vorkommnissen in Schildau auseinandergesetzt und bereits erste Maßnahmen eingeleitet. »So wird zukünftig in den Sicherheitsberatungen verstärkt auf rassistische Gruppierungen hingewiesen, um die Vereine dahingehend zu sensibilisieren.« Wenn auch langsam: Es tut sich was im sächsischen Fußball.

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