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Die Stunde Null

Erstmals seit 1958 verpasst Italien durch ein 0:0 gegen Schweden im Relegationsspiel die WM-Endrunde

  • Von Lena Klimkeit, Mailand
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nicht weniger als eine Revolution muss in Italiens Fußball her. Klar, Nationaltrainer Gian Piero Ventura wird gehen müssen. »Schuldig«, befand »Tuttosport«, nicht das einzige Blatt, das am Tag nach dem 0:0 gegen Schweden den Kopf des Coaches forderte. Aber reicht ein neuer Trainer allein, die Nationalmannschaft wieder aufzurichten? Und den verletzten Stolz eines in Politik und Wirtschaft gelähmten Landes wiederherzustellen? Nach 60 Jahren wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft zu verpassen trifft die Italiener hart.

Wenige Stunden nach dem 0:0 im Playoff-Rückspiel gegen Schweden ist vom »Jahr Null«, »Ende«, »Desaster« und »Alptraum« die Rede. Die Fans fordern drastische Konsequenzen, nachdem das Team bei der Endrunde 2018 in Russland nicht dabei ist und erstmals seit 1958 nur WM-Zuschauer ist. Denn allen ist klar: Nach der bitteren Nacht im San Siro brauchen die Azzurri einen radikalen Neustart. Doch der folgt nicht prompt, auch wenn es zunächst so aussah.

Ventura sorgte am Montagabend mit seinen Seufzern nur für Verwirrung: »Ich bin stolz, Teil der azurblauen Truppe gewesen zu sein.« Auf die Frage, ob er zurückgetreten sei, sagte er: »Nein, weil ich noch nicht mit dem Präsidenten gesprochen habe.« Das Ergebnis wiege aber aus sportlicher Sicht »zentnerschwer«. Der italienische Verband FIGC kündigte für Mittwoch Konsequenzen an.

Es waren Spieler, die erste Entscheidungen trafen: Torwartlegende und Weltmeister Gianluigi Buffon verkündete unter Tränen seinen Abschied aus der Nationalelf. Es sei schlimm, dass seine Karriere so ende. »Wir haben nichts unterschätzt.« Schweden reichte ein einziges Tor aus dem Hinspiel zum Triumph.

Auch die beiden anderen 2006-Weltmeister, Daniele De Rossi und Andrea Barzagli, machen Schluss. »Ich glaube, das ist die größte Enttäuschung meines Lebens«, sagte Barzagli. De Rossi sprach von »Begräbnisstimmung«. »Dabei ist niemand gestorben«, sagte er. »Es ist ein schwarzer Moment für unseren Fußball, und ein tiefschwarzer für uns Spieler.«

Fast 15 Millionen Menschen verfolgten am Montagabend die Schmach an den Bildschirmen der Republik. Aber es scheint, als seien nun auch die sonst so temperamentvollen Fans von einer Lethargie erfasst worden, die ansonsten das politische Leben und die Wirtschaft in Italien lähmt. Die Parteien, allen voran die regierenden Sozialdemokraten, verlieren sich in internen Machtkämpfen. Die Wirtschaft ist zwar auf dem Weg der Besserung - doch gerade auf dem Arbeitsmarkt kann von Erholung noch nicht die Rede sein. Perspektivlosigkeit im Land, wohin man schaut.

In einer Bar in Rom war schon zu Beginn der Partie die Stimmung gedämpft. Aufregung an den Tischen wollte nicht mal so recht in den letzten Spielminuten aufkommen, in denen es doch um alles ging. Bis auf einige »Mammamia«-Ausrufe: Ruhe. »Ich habe erwartet, dass wir rausfliegen«, sagte Giuseppe überraschend wenig enttäuscht. »Es ist so gelaufen und es ist kein Drama.«

Hinter dem Spiel habe keine richtige Mannschaft gestanden. Der Trainer sei nicht der richtige. Giuseppes Freund Vassili meint, im italienischen Fußball gebe es zu viele Ausländer. Für die Italiener sei kein Platz. Ähnliches twitterte der Chef der fremdenfeindlichen Lega Nord, Matteo Salvini. »Zu viele Ausländer auf dem Feld, von den Junioren bis in die Serie A, und das ist das Resultat.«

Für die Nationalmannschaft war bereits nach dem K.o. in der WM-Vorrunde 2014 gegen Uruguay ein Neustart beschworen worden. Ob er nun wirklich vollzogen wird? »Nicht zur WM zu fahren, ist wirklich etwas tragisches«, sagte der 23-jährige Federico Bernardeschi von Juventus Turin. »Wir jungen Spieler müssen jetzt aber mit gutem Beispiel vorangehen.«

Die »Gazzetta dello Sport« präsentierte schon Kandidaten, unter ihnen ist Carlo Ancelotti, der Ex-Bayern-Coach wäre sofort frei. Als Ventura-Nachfolger werden auch Antonio Conte und Roberto Mancini gehandelt. Am Mittwoch sollte Italien klarer sehen, wer dem Land die »Revolution« (»Corriere dello Sport«) bringen kann. Zumindest auf dem Rasen.

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