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Raus aus der Zwangsjacke

In Saarbrücken kommt mit Eröffnung des erweiterten Saarlandmuseums eine Skandalgeschichte zum Abschluss

  • Von Jörg Fischer, Saarbrücken
  • Lesedauer: 4 Min.

Endlich kann Roland Mönig als Ausstellungsmacher voll loslegen. »Wir haben die Moderne Galerie aus ihrer Zwangsjacke befreit«, sagt der 52-Jährige. Seit fast vier Jahren leitet der drahtige Kunsthistoriker die Saarland-Museen. In dieser Zeit konnte er fast nur nebenbei Kunst präsentieren. Vor allem musste er die seit Jahren sich hinziehende Erweiterung der Modernen Galerie - Herzstück der Museen an der Saar - managen. Es galt, das »völlig verfahrene Bauprojekt« (Saar-Kulturminister Ulrich Commerçon/SPD) in Saarbrücken wieder auf die Schiene zu setzen.

Ganz nach dem Motto »Was lange währt ist, wird endlich gut«, ist der »Vierte Pavillon« mehr als acht Jahre nach Grundsteinlegung jetzt fertig. Am 18. November soll es ein »Wieder sehen.« mit Schätzen der Sammlung geben geben, wie die Plakatwerbung der Museumsmacher verheißt. »Wir müssen dem Museum wieder zu der Sichtbarkeit verhelfen, die ihm verloren gegangen ist«, sagt Mönig mit Blick auf die letzten Jahre.

Die waren geprägt von Vorstands-Affären, Bau-Missmanagement, Kostensteigerungen und einem Baustopp 2012. Im April 2016 wurde dann die Moderne Galerie insgesamt geschlossen, um weiterbauen zu können.

Jahrelang beschäftigte der »Skandalbau« Politik, Bürger und Justiz an der Saar. Zum einen waren da die Kosten. Die hatte die damalige Kulturministerin und jetzige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) einst mit 14,5 Millionen Euro beziffert, um die Öffentlichkeit von dem CDU-Prestigeprojekt zu überzeugen. Die Folge: Immer wieder musste die Politik einräumen, dass das der Bau doch teurer wird. Am Ende kostet der Museumsneubau in Saarbrücken wohl bis zu 39 Millionen Euro. Bei der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Berliner BER-Fiasko geht es zwar um bedeutend mehr, für das kleine, finanzschwache Saarland jedoch ist die Kostensteigerung ein großer Brocken. Vor einem von insgesamt zwei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen bezeichnete Kramp-Karrenbauer ihre Kostenaussage als Kulturministerin zwar als Fehler, trat aber nicht von ihrem Amt als Ministerpräsidentin zurück.

Zum anderen kostete das Projekt dem langjährigen Museumsdirektor Ralph Melcher seinen lukrativen Job und wohl auch eine glänzende Karriere. Das Landgericht Saarbrücken verurteilte Melcher zu einer Bewährungsstrafe wegen Vorteilsannahme, weil er fürstlich mit dem Projektentwickler Gerd Marx gespeist hatte.

Nach dem Baustopp übernahmen die Berliner Architekten von Kuehn Malvezzi, Spezialisten für Museumsneubauten, die Planungen und überarbeiteten das Konzept. Sie legten den Eingang so, dass er nun zwischen den alte Pavillons und dem Neubau liegt und man nicht sofort in den Neubau gelangt. Außenhaut und Vorplatz ließen sie vom Konzeptkünstler Michael Riedel gestalten.

Der schuf ein 4000 Quadtratmeter großes Kunstwerk. Die Fassade aus Beton-/Zementplatten verschmilzt sozusagen zu einem Campus mit der benachbarten Hochschule für Musik. Auf den Platten wurden Texte aus einer der diversen Landtagsdebatten über den »4. Pavillon« aufgebracht. Kritiker, die den Rohbau schon mal als »Betonbunker« bezeichneten, sind jetzt verstummt.

Durch den Neubau wurden rund 1500 Quadratmeter mehr Ausstellungsfläche geschaffen, um jetzt auch auch für größere Kunstwerke genug Fläche zu haben. Den Anfang macht zur Wiedereröffnung die kalifornische Konzeptkünstlerin Pae White. Im 14 Meter hohem »Kathedralenraum«, dem größten von insgesamt acht Sälen, schuf sie in den vergangenen Monaten eine gigantische Popart Installation aus bunten Fäden, ihr größtes Kunstwerk in Europa. Und einen der neuen Räume bespielt Konzeptkünstler Riedel.

Für Museumschef Mönig ist das aber noch lange nicht die Hauptsache. Er sieht jetzt die Chance, nach und nach mehr der rund 29 000 Werke aus der eigenen Sammlung - vor allem aus der Zeit der klassischen Moderne und der Nachkriegszeit - präsentieren zu können.

Zur ersten Schau in der neuen Zeitrechnung hängen in den drei »alten« Ausstellungspavillons aus den 1960er und 1970er Jahren laut »Saarbrücker Zeitung« vor allem die bisherigen Publikumsmagneten - wie den Impressionisten, dem Blauen Pferd von Franz Marc oder den Kubisten. Geplant ist, künftig einzelne Bilder auszuwechseln.

»Die Moderne Galerie ist in den 60er Jahren für die Kunst von der Klassischen Moderne bis in die 1960er Jahre konzipiert worden. Jetzt können wir diesen Trakt wieder zum Erstrahlen und Erblühen bringen, ohne dass den wunderbaren Werken dieser Epoche andere Themen ins Gehege kommen«, freut sich Mönig.

Damit solle einmal mehr deutlich werden, welche Bedeutung das Saarland-Museum und seine Sammlung für die Museumslandschaft haben, sagt der Museumschef. In der Region sei seit Jahrzehnten keine Sammlung entstanden, die mit der Saarbrücker vergleichbar wäre. Zwar gibt es zwei weitere größere Museen für moderne Kunst in der Umgebung. Aber: Das Centre Pompidou im französischen Metz bekommt Bilder für seine Ausstellungen aus Paris und das Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM) in Luxemburg sammelt erst seit 1996 zeitgenössische Kunst.

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