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Heiße Wochen für Siemens-Beschäftigte

Belegschaften wehren sich gegen Sparpläne des Konzerns - und tragen den Protest nach Berlin

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Management ließ die Belegschaften zappeln, wieder einmal. Seit dem Morgen tagte am Donnerstag in München der Wirtschaftsausschuss von Siemens; die Führungsetage wollte dort die Betriebsräte über bevorstehende Kürzungen in der Kraftwerks- und der Antriebssparte informieren. Doch als am Mittag 300 Beschäftigte und Unterstützer des Werks im Leipziger Stadtteil Plagwitz zu einer Demonstration aufbrachen, waren noch immer keine konkreten Informationen aus der Sitzung durchgesickert. Dabei »wollen die Leute endlich Klarheit«, sagt Steffen Reißig, der für das Werk zuständige Sekretär der IG Metall: »Sie wollen wissen, ob sie den Kampf auf der Straße und im Werk aufnehmen müssen oder ob am Tisch über Konzepte geredet wird.«

Wochenlang standen nur Drohungen im Raum. Ein Medienbericht hatte angedeutet, allein in der Kraftwerkssparte könnten 11 von 23 Werken und Tausende Jobs zur Disposition stehen. Bei der Bilanzkonferenz des Konzerns hatte auch dessen Chef Joe Kaeser in der vergangenen Woche unter Verweis auf eine schwierige Geschäftslage »schmerzhafte Einschnitte« angekündigt, ohne freilich konkret zu werden. Weil man jedoch annehmen durfte, dass die Pläne ausgearbeitet vorliegen, erwarteten die Beschäftigten zumindest schnelle Informationen aus dem Wirtschaftsausschuss. Doch erneut: Fehlanzeige. Man halte die Leute hin, sagt Reißig.

Die Demonstration, an der auch ehemalige Siemens-Mitarbeiter, Kollegen aus anderen Industriebetrieben in Plagwitz sowie Anwohner teilnahmen, war zumindest eines nicht: ein Trauermarsch. »Die Stimmung hier ist kämpferisch«, berichtet Reißig - und das, obwohl die 270 Beschäftigten auf das Schlimmste gefasst sind: »Wir rechnen nicht damit, dass es sich um eine ›April!-April!‹-Meldung handelt«, sagt der Gewerkschafter. Befürchtet wird eine Schließung oder ein Verkauf der eher kleinen Siemens-Niederlassung - und das, obwohl deren Auftragsbücher bis Ende 2018 voll sind und der Anteil der angeblich defizitären Kraftwerkssparte am Umsatz nur bei etwa 20 Prozent liegt.

Kampfgeist herrscht auch an anderen Standorten. In Görlitz, wo 900 Beschäftigte mit dem Bau von Dampfturbinen ihr Geld verdienen, gab es am Mittwochabend eine »Feuerwache« vor dem Werkstor, bei der Feuerschalen vor Transparenten platziert wurden. Auch in Erfurt, wo 700 Menschen in einem Generatorenwerk des Konzerns arbeiten, hatte es wiederholt Protestaktionen gegeben, zuletzt mit einer Collage, die Fotos von Mitarbeitern zeigte. Es seien »Gesichter, die Erfurt beim Verkauf verliert«, sagte Bernd Spitzbart von der dortigen IG Metall.

Unmut über die Pläne gibt es nicht nur bei den Mitarbeitern. Die Regierungschefs von Sachsen, Thüringen, Berlin und Brandenburg hatten in einem Brief an die Konzernführung gewarnt, mit einer Schließung von Standorten in Ostdeutschland würden alle Bemühungen zum Aufbau Ost konterkariert. Den Verlust Tausender Jobs und eine Schließung von Werken »können und werden wir nicht akzeptieren«, schrieben CDU-Mann Stanislaw Tillich, der LINKE-Politiker Bodo Ramelow sowie Dietmar Woidke und Michael Müller (beide SPD).

Ob man sich in München von derlei politischen Muskelspielen beeindrucken lässt, ist fraglich. Die am späten Nachmittag dann doch vorgestellten Pläne sehen die Schließung der Standorte Görlitz und Leipzig sowie den Verkauf des Werks Erfurt vor. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn ist nach einem Schriftwechsel mit Kaeser skeptischer denn je. In einem Antwortbrief sei dieser nicht auf Argumente für einen Erhalt des Werkes Görlitz eingegangen, sondern habe betont, dass betroffene Mitarbeiter in anderen Werken des Konzerns eine Perspektive hätten.

Kampflos fügen wollen sich die Belegschaften aber nicht. In Leipzig ziert ein Protestplakat, das in Anspielung auf den Charakter des Stadtteils einen Schutzhelmträger mit Hipster-Bart zeigt, viele Plagwitzer Mauern. Ein Banner hat auch der Wagenplatz gegenüber vom Siemens-Werkstor an seinen Zaun gepinnt. Eine Petition für den Erhalt des Werkes haben binnen weniger Tage fast 1700 Menschen unterschrieben. »Es tut gut, das zu sehen«, sagt Gewerkschafter Reißig.

Kommende Woche soll der Protest nach Berlin getragen werden. Mitarbeiter aus allen Teilen der Republik werden sich dazu am 23. November am Rand einer Betriebsrätekonferenz im Hotel Estrel versammeln, zu der auch die Vorstände des Konzerns erwartet werden. »Unser Bus ist bereits ausgebucht«, sagt Reißig; in anderen Werken dürfte die Resonanz ähnlich sein. Zudem hat Siemens allein in der Bundeshauptstadt 12 000 Mitarbeiter - noch. Auch hier sollen 900 bis 1000 Jobs bedroht sein. Der Zulauf zu dem morgendlichen Protest dürfte entsprechend zahlreich ausfallen.

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