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  • Kultur
  • 75. Geburtstag von Martin Scorsese

Zerrissene im Zwielicht

Zum 75. Geburtstag des großen US-Filmregisseurs Martin Scorsese

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer ins Kino geht, geht in die eigene Verwandlung hinein. Deren Wirkung zeigt sich, wenn wir das Lichtspieltheater (aussterbendes Wort?) verlassen: Wir gehen erhabener als vorher; wir schlagen den Mantelkragen ganz anders hoch als sonst. Noch der Nichtraucher möchte sich eine Zigarette anzünden wie der Held des eben gesehenen Films. Im illusionär aufgeladenen Heimweg des Zuschauers feiert Kino seinen wahren Triumph. Es schüttet prickelnde Gewissheit aus: In jedem Menschen existiert so viel Unbestimmtheit, wie nötig ist, um ihn in das Abenteuer der Freiheit zu verwickeln.

Der sich frei Wähnende empfindet allerdings immer auch Angst. Gestalten in Filmen von Martin Scorsese sind von genau dieser Angst durchbohrt. Polizeibeamte, verdeckte Ermittler, Obsessive aller Art, müde Junkies, traumatisierte Sehnsüchtler, martialische Liebhaber, meisterhaft schmierige Mafiosi: »Good Fellas«, »Die Zeit nach Mitternacht«, »Bringing Out the Dead«, »Departed - Unter Feinden« (nach sechs Nominierungen 2006 endlich der erste »Oscar«). Irgendeine Kraft, die mit dem Bösen einen Gesellschaftsvertrag abschloss, hat diese Gestalten weggeschenkt an ein Nichts. Weggeschenkt ist grausamer als weggestoßen. Angst schmiedet mystische Allianzen zwischen Protagonisten des Angriffs und des Gegenangriffs, sie schlägt in Gewalt um und löst den dämonischen Effekt aus: Der Befreiungsschlag ist Vernichtungsschlag.

Ob hinter den Shutter-Island-Nebeln vor sturmzerzauster See oder zwischen Penthouse-Panoramen und Blutlachen auf schmutzigen Höfen: Stets bleibt Scorsese emphatisch beim Menschen, sein Kino kapituliert nicht vor jener kinematografischen Gnadenlosigkeit, die menschliche Akteure maschinendevot übergeht und Kriege ohne fühlende Krieger zeugt. So, wie Fellini sein Rimini hatte, so hat Scorsese sein New York - das er aber nie als bloße dokumentare Landschaft hernahm, sondern oft bewusst als Kulisse woanders aufbaute, um in ein Gleichnis tauchen zu können, das mehr ist als Wirklichkeit. New Yorks Little Italy als Quellort für befreiende Phantasie und drückende Paranoia. Jene Welt, wo der Regisseur den Eros mit Schmutz einrieb und die Kälte der Straßen zum Dampfen brachte. Scorseses frühe Lebensschule, da der asthmatische Junge auf Feuerleiterstufen saß wie auf einem Jägeranstand, zwischen aufgezwungener Wildheit und ersehnter Mönchswürde, »ich musste sie wegwischen, diese Zeit, um noch atmen zu können«.

Er wischte weg, indem er filmte: Elend und Ekelgrund. Den ganzen Reichtum so einer Stadt, also diese Weltvielfalt dessen, was ein Mensch allein nicht ertragen und erleiden kann. Die Wesen dieser Filme gehen an einer Einsamkeit zugrunde, die doch mit größtmöglicher Sanftheit erzählt wird. Grandios, wie der Bestehenswille des Menschen mit nervöser Wachheit durch die Stadt- und Lebensdschungel pirscht.

In »Mean Street« (»Hexenkessel«) und »Taxi Driver« trat Scorsese selber kurz auf, jeweils als Mörder, als zeige er sich selber öffentlich an - für die Folgen, die es haben muss, wenn einer im besagten Höllenteil New Yorks aufwächst. Der Regisseur als Unschuldiger, der aber hinein will in den Strudel der Schuld - um ihr mit einem Filmwerk zu entkommen. Der »Taxi Driver« Trevis etwa, der daheim vorm Spiegel die Pistole zieht, auf ein imaginäres Ziel zielt, auf ein Herz, auf einen Kopf - er zielt auch auf sich selbst. Die Spiegelprobe: als agiere der blinde Seher Teiresias, als gespensterten Macbeth’ Hexen, als flüstere die Sorge genau das ins Ohr des erblindeten Faust, was der nicht hören will: Verhängnis.

»Wie ein wilder Stier« wurde zum faszinierenden Opus lichtgeblendeter, von Scheinwerfern zerfetzter Durchsetzungskraft. Erfolg als Drecksarbeit. Vitalität als Widerstand gegen die Verachtung. Robert De Niro als Boxer Jake LaMotta; Zeitraffer und Zeitlupe und Stakkato-Schnitt erschufen den atemberaubenden Rhythmus für einen Film, in dem besagte Angst und der rabiate Ausbruch, die Freiheit des vernichtenden Schlages und die Not, dafür einen Körper auszubilden, eine beklemmend drastische Spannung bilden. »Zeit der Unschuld«: Wie die Kamera von Michael Ballhaus Körper abtastet, ohne dass ein Übergriff entsteht. Grandiose Malereien, die eine Gefühlstiefe erzählen, die von den Gesichtern verweigert wird. Die Bilderfalle, darin sich die Einzelteile des Lebens verfangen - zur neuen Summe aus Realem und Fantasiertem. Die Kamera erfasst Wirklichkeit, als löse sie diese von einer Folie ab, und sie saugt Gegenständliches an, um es im Schutzraum des Bildes neu zu erfinden.

Ob De Niro oder Leonardo DiCaprio, ob Harvey Keitel, Daniel Day-Lewis, Matt Damon, Michele Pfeiffer, Nick Nolte, Paul Newman, Jack Nicholson: Was Schauspieler in Scorseses Filmen an Charakteren, an Typen aufbauen - es sind Geborstene. Selbst der Christus, der dem Kreuz entflieht (»Die letzte Versuchung Christi«): ein Zerrissener. Zerrissen in einer Welt, in der man nie genau weiß, was wahr ist: das, was die Bilder zeigen, oder das, was sie draußen lassen. Scorsese hat in »Kundun« die Jugend des Dalai Lama erzählt, er hat in »Silence« auf faszinierend gesichtsmalende Weise zwei portugiesische Missionare im christenfeindlichen Japan des 17. Jahrhunderts leiden lassen. Filme, die nur ideologiekritisch zu behandeln sind? Mein Gott!, wie langweilig, so ein Ordnungsruf! Es sind Versuche über Sünde, Erlösung, übers Unmögliche: die Sichtbarmachung von Gott im ewigen Krieg zwischen Vernunft und Glauben, Kultur und Natur. Ein Krieg, in dem jede Frontseite auf eine Treue setzt, die nur im tiefen, äußersten Schmerz offenbar wird. Denn nur im bedingungsharten Glauben erlebt der Mensch jenen Triumph über die Welt, den ihm die Tragödie der Erfahrung versagt. Nur der wahrhaft Mutige weiß, dass ihm kein Fleisch um die toten Knochen wachsen wird. Scorsese: »Ich mache Filme für Leute wie mich: denen der Mut zur Wahrheit fehlt.«

Auch Dokumentarfilme hat er gedreht, über Bob Dylan, George Harrison, Giorgio Armani. Rauschbeseelt seine Liebe zur Filmgeschichte: Er wurde zum akribischen Restaurator US-amerikanischer Farbstreifen. Auf den ersten Blick ist sein Report über ein Konzert der Rolling Stones, »Shine a Light«, nun ja, ein Report über ein Konzert der Rolling Stones, aber in der Unmittelbarkeit der vibrierenden Szene porträtiert Scorsese den Moment, da der Expressionismus über den Menschen hinwegsteigt. Wäre der gewählte Konzertraum eine Kirche, so dürfte man sagen, es sei ein Kultraum, wo die Offenbarung des Sprengstoffs (hier: einer originären Musik im Blut einer höchst lebendigen Zombie-Band) gefeiert wird.

Er drehte über fünfzig Filme. »Viel ist nicht genug«, hat er einmal gesagt. An diesem Freitag wird Martin Scorsese - US-Amerikas legendärster lebender Regisseur, der 1942 als Sohn eines italienischen Textilarbeiters in New York geboren wurde - 75 Jahre alt.

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