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Die Masken sind gefallen

Christoph Ruf über das erste Spiel der chinesischen U20

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eigentlich, so dachte man, hätte es nicht besser laufen können für die chinesische Olympiamannschaft. Denn das erste Spiel ihrer viel kritisierten Freundschaftsspiel-Serie gegen südwestdeutsche Regionalligisten führte sie zu einem Gegner, zu dessen Publikum keine aktive Fan- szene zählt. Die hatte staffelübergreifend vehement und mit guten Argumenten den Deal mit China kritisiert und Proteste für die einzelnen Partien angekündigt. Getragen wird das Bündnis von den aktiven Fan- szenen aus Offenbach, Mannheim, Saarbrücken, Kassel, Ulm, Frankfurt (FSV), Stuttgart (Kickers), Koblenz und Worms - also allen größeren Fanszenen der Staffel. Bei den kleineren Vereinen wie Schott Mainz oder Walldorf, dessen Publikum eher aus Rentnern und Angehörigen der Spieler besteht, war hingegen nicht mit größeren Gefühlaufwallungen zu rechnen, zumal die meisten Stammgäste bei dem sportlich irrelevanten Kick eh zu Hause blieben.

Die 70 akkreditierten Journalisten beim TSV Schott Mainz konnten also am Samstag eigentlich davon ausgehen, dass beim ersten Spiel der Chinesen nicht viel Berichtenswertes passieren würde. Doch es kam anders: Sechs Aktivisten der Tibet-Initiative Stuttgart präsentieren die Landesflagge. Und elf chinesische Spieler wurden von ihren Funktionären vom Platz beordert. Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag. Natürlich war das eine gezielte, lange geplante Provokation, und sie hat ins Schwarze getroffen. Denn wenn ein paar Quadratmeter bunten Stoffes reichen, um eine gesamte Fußballmannschaft vom Platz zu treiben und eine 20-minütige Spielunterbrechung herbeizuführen, dann haben die Demonstranten schlagend bewiesen, dass sie Recht haben. China ist von demokratischen Zuständen, zu denen eben auch Widerspruch und Pluralismus gehören, so weit entfernt wie Katar. Das ist auch insofern eine interessante Parallele, weil der offizielle Fußball nicht das geringste Problem darin zu sehen scheint, mit solchen Staaten dennoch Kooperationen einzugehen. Im Falle des deutschen Regionalligadeals war das Joint Venture allerdings ursprünglich keine aus dem Fußball geborene Idee, sondern Ausfluss eines auf höchster Regierungsebene geschlossenen Abkommens. Dass wirtschaftliche Erwägungen oft vor humanitären rangieren, ist ja keine Prioritätensetzung, die der Fußball exklusiv für sich hätte. Frau Merkel regiert mit ihr seit 2005.

Wer sich nach den Ereignissen von Mainz noch mal aufmerksam die Argumente durchliest, die die Fans der Traditionsvereine gegen den China-Deal ins Feld geführt hatten, merkt schnell, dass die Supporter schon unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne auch die Menschenrechtslage in China als Argument gegen eine Kooperation ins Feld geführt hatten. Es war nicht das Hauptargument, denn das war das komplette Register einer Kommerzkritik, die völlig zurecht in dem Vorwurf gipfelte, dass die Regionalliga nur das Vehikel dafür ist, um den deutschen Fußball in einer Region zu pushen, die die Manager der deutschen Topvereine längst als künftigen Wachstumsmarkt für deutschen Fußball ausgemacht haben: Asien, vor allem China und Japan. Der Regionalliga selbst bringt der Deal hingegen nicht viel - außer 15 000 Euro pro Verein, was zugegebenermaßen für kleinere Klubs wie Schott Mainz eine relevante Summe ist. Ansonsten gilt jedoch, was Oberhausens Präsident Hajo Sommers über den Deal sagte: »Die Regionalliga wird zu einer Kirmesliga, damit der FC Bayern München mehr Trikots in China verkaufen kann.« So ist es.

Ein chinesischer Funktionär hat nach dem Spiel in Mainz im Übrigen einen Wunsch geäußert, den auch Despoten und Diktatoren gerne so formulieren, wenn sie Proteste delegitimieren wollen. »Wir hoffen, dass es in der Folge wieder nur um Sport geht.« Diese Hoffnung wird sich - das steht jetzt schon fest - nicht erfüllen, denn am kommenden Wochenende spielen die Chinesen beim FSV Frankfurt. Und dessen Anhängerschaft gehört zu den treibenden Kräften der Faninitiative. Dort dürften schon lange ein paar kreative Protestformen ausgetüftelt worden sein. Spätestens seit Samstag weiß man ja auch, dass schon eine simple Flagge ausreicht, damit die Masken fallen. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es bei den Masken vor asiatischen Gesichtern bleibt, oder ob nicht auf deutscher Seite noch jemand über die Zensur des Rechts auf freie Meinungsäußerung nachdenkt.

Von Christoph Ruf ist dieser Tage ein neues Buch im Werkstattverlag erschienen: »Fieberwahn. Wie der Fußball seine Basis verkauft«. Ruf hat darin mit Fans, Funktionären und Trainern über die die Entwicklung des Volksports Nr. 1 gesprochen: Wird der Fußball zu Tode vermarktet? Rufs Fazit ist eindeutig: Der deutsche Fußball sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

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