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Am Ende der Rauswurf

Wohnungslosenhilfe mit Schwierigkeiten

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Ecke neben der Wohnungstür stapeln sich Tüten mit Kleidern. Suzana legt die letzten Kleidungsstücke zusammen, die auf ihrem Bett liegen. Um halb acht wird sie gemeinsam mit ihrem Vater Marius C., Bruder Florin und Mutter Ileana M. abgeholt. Vor eineinhalb Jahren kam die Familie von Rumänien nach Berlin, seit einem Jahr lebt sie in einem Raum von 25 Quadratmetern mit Küchenzeile und einem kleinen Bad. Gestellt wird er von einem Verein der Wohnungslosenhilfe. Die Miete übernimmt größtenteils das Jobcenter. Ileana M. hat eine Arbeit als Reinigungskraft gefunden, Marius C. arbeitet als Küchenhelfer. Sie verdienen wenig, die Jobs sind befristet, eine richtige Wohnung haben sie bisher nicht gefunden. Trotzdem müssen sie umziehen.

Warum? Ihr Vermieter, der Verein Phinove, spricht von mehreren tausend Euro Mietrückstand und von fehlender Kooperationsbereitschaft. Bis zum Sommer habe es keine Probleme gegeben. Aber dann sei die Familie »Opfer falscher Beratung« geworden, bedauert Geschäftsführerin Karmen Vesligaj. Monatelang habe der Verein die fehlenden Einnahmen aufgefangen, aber das ginge jetzt nicht mehr, schließlich hingen daran Arbeitsplätze.

Weil die Eltern im Sommer Jobs aufnahmen, berechnete das Jobcenter den Anspruch der Familie auf Unterstützungsleistungen neu. Dabei stellte die Behörde fest, dass die Geburtsurkunde der Tochter fehlte. Weil damit unklar sei, ob die 16-Jährige zum Familienhaushalt gehöre, zahlte das Jobcenter ihre Unterkunftskosten nicht mehr. Suzana, die längst in Neukölln zur Schule ging, wohnte aber natürlich weiter zusammen mit ihren Eltern in der kleinen Wohnung. Statt 140 Euro erhielt der Verein vorerst 105 Euro pro Nacht.

Wegen der Einkünfte der Eltern legte das Jobcenter darüber hinaus einen Eigenanteil von etwa 500 Euro pro Monat für die Miete fest. Die 25-Quadratmeter-Wohnung sollte also insgesamt mehr als 3500 Euro pro Monat kosten - nicht unüblich bei Notübernachtungen. Die Familie legte gegen den Eigenanteil Widerspruch ein. Das Jobcenter korrigierte ihn später auf etwa 200 Euro.

Für den gesamten Zeitraum von August 2016 bis Januar 2017 liegt der Familie ein »vorläufiger« Bescheid vor, dass die Unterkunftskosten übernommen werden. Dennoch muss sie regelmäßig eine sogenannte Kostenübernahme beim Sozialamt beantragen. Die haben sie auch bekommen. Für Oktober fehlt der Zettel allerdings. Als Marius C. ihn abholen wollte, hatten sich plötzlich die Öffnungszeiten des Sozialamts geändert. Ihm wurde aber versichert, dass das Geld weiterhin gezahlt werde. Damit sei die Sache erledigt, dachte er. Überprüfen konnte er die Aussage des Sachbearbeiters nicht: Das Geld wird direkt an Phinove überwiesen. Geschäftsführerin Vesligaj sagt, der Verein habe ab August keine Miete für die Tochter und keinen Eigenanteil, für Oktober gar kein Geld bekommen. Die Familie sagt, ihr sei versichert worden, dass das Geld überwiesen worden sei, die Geburtsurkunde habe sie längst nachgereicht, und wegen des Eigenanteils hätte Phinove auf das Ergebnis des Widerspruchs warten müssen.

Weil laut Sozialamt der Betreiber einer Notunterkunft selbst entscheiden kann, wer bei ihm wohnt, wurde Familie C. am Freitag in eine neue Unterkunft überwiesen. Die liegt weit weg von Neukölln in Lichterfelde. Das ist vor allem für die Kinder blöd. Ihr Schulweg ist nun dreimal so lang.

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