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Eine persönliche Reise

Christian Tetzlaff hat Bachs Partiten und Sonaten für Violine neu eingespielt

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.

Die zwischen 1714 und 1720 entstandenen sechs Partiten und Sonaten für Violine solo gehören zweifellos zu den Schlüsselwerken von Johann Sebastian Bach. In den Stücken setzt Bach seine vor allem in den Orgelfugen hinreichend dokumentierte Vorstellung von selbstständigen, gleichberechtigten Stimmen (Polyphonie) erstmals umfassend für ein Soloinstrument um. Das stellt große Anforderungen an die Interpreten, da das saubere Intonieren bis zu vierstimmiger Akkorde auf der Geige lange Zeit als »unspielbar« galt.

Doch der 51-jährige deutsche Ausnahmegeiger Christian Tetzlaff ist inzwischen weit davon entfernt, die Herausforderung durch dieses Werk vor allem technisch zu begreifen oder gar nach einer möglichst »authentischen« historischen Aufführungspraxis zu suchen. Bereits vor 40 Jahren begegnete er Bachs Solostücken. Sie haben ihn seither nicht mehr losgelassen, wovon unzählige Aufführungen und zwei Gesamteinspielungen von 1993 und 2005 zeugen. Und jetzt eben eine weitere, aufgenommen im Sendesaal Bremen.

Kann man einem Werk, das ohnehin zu den am meisten gespielten seines Genres gehört, wesentliche neue Aspekte abringen, die eine Neuproduktion rechtfertigen? Für Tetzlaff steht das außer Frage: »Wenn man diese Werke lange spielt, entfernt man sich mit der Zeit von Gedanken und Ideen und bekommt eine Freiheit geschenkt - etwas Spielerisches und Natürliches, was das Wichtigste ist beim Interpretieren«, sagte er dazu in einem Gespräch im Kulturradio des rbb.

Das heißt allerdings nicht, dass Tetzlaff bei der Neueinspielung irgendwie befreit losfiedelt. Vielmehr hat er ein sehr spezifisches Verständnis der Stückesammlung entwickelt, die er nicht nur formal, sondern auch in tieferem Sinn als Zyklus begreift. Tetzlaff nennt es eine »persönliche Reise« Bachs durch leid- und freudvolle Lebenserfahrungen. Die beginnt in der tiefen Dunkelheit der g-moll-Sonate, entlädt sich schließlich in einer schmerzvollen Chaconne in der Partita d-moll, bevor sich Bach in wärmere, hoffnungsvollere Gefilde begibt, die in die nahezu jubilierende Partita E-Dur mit ihren ausgeprägt verspielten Tanzteilen münden.

Bei seiner Neueinspielung hat Tetzlaff - und das macht diese Doppel-CD so unbedingt hörenswert - die ungeheuer schwer zu findende Mitte zwischen analytisch-puristischer Kargheit und romantisierender Überphrasierung für sich gefunden, vor allem beim Einsatz von Vibrati, den Tempi und der Dynamik. »Man muss mit dieser Musik wahrlich nicht vorsichtig oder großartig umgehen, denn es sind alles zutiefst menschliche Äußerungen. Aber dann, wenn es zur Sache geht, kann man seine Geige schon für wirkliches Fortissimo und Pianissimo gebrauchen«, beschreibt Tetzlaff seine Herangehensweise. Erhellend für den Hörer zudem ein spieltechnisches Schmankerl. Entgegen der verbreiteten Interpretationspraxis spielt Tetzlaff die vierstimmigen Akkorde in den Fugen-Sätzen nicht aufgeteilt in zwei mal zwei Stimmen, sondern komplett, was das Verständnis dieser Form von Polyphonie ungemein erleichtert.

Dazu passt der bei Geigern seiner Prominenz eher seltene Verzicht auf die Nutzung eines alten Meisterinstruments von Antonio Stradivari oder vergleichbar berühmten Geigenbauern. Die ihm im Laufe seiner Karriere angebotenen Stradivaris hätten einfach nicht gut genug geklungen, so Tetzlaffs verblüffend einfache, aber in einer von Distinktionsmerkmalen geprägten Kulturszene fast schon blasphemisch anmutende Erklärung. Er spielt auf einer »modernen« Geige, die Stefan-Peter Greiner in Stuttgart nach seinen Vorstellungen gebaut hat. Diese klinge auf der tiefen G-Saite »richtig dunkel und kräftig, fast in Richtung Cello oder Bratsche, und oben leuchtend jubilierend und sehr farbenreich«. Damit habe er ein Instrument gefunden, »mit dem ich alles erzählen kann, was ich möchte«. Das sei sein einziges Kriterium bei der Instrumentenwahl.

Und so hat man über rund 130 Minuten das ungetrübte Vergnügen, einer tönenden Geschichte zu lauschen und nicht nur der x-ten Interpretation des großen Violinzyklus von Johann Sebastian Bach.

Christian Tetzlaff: J. S. Bach - Sonatas & Partitas. 2 CDs, ca. 15 Euro (Ondine).

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