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Narrenspiel

Zum Tode des Bildpoeten Horst Hussel

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie er für die Liebe - zum waffenlosen Leben - auf den unnachahmlichen Strich ging! Er malte, zeichnete, schrieb verschwenderische Poesie. Darin strahlte die Helle - aber wie eine Kehrseite des Grabes. Das Sanfte war auch das Hilflose, doch noch das Traurige glühte und wucherte in lieblichen Reizen. Horst Hussel schuf seine Genialkritzeleien mit jener Freiheit, wie sie nur aus der »Verantwortungslosigkeit des Kindes« (Charlie Chaplin) erwachsen kann.

In den Collagen, skriptualen Zeichnungen, Hörspieltexten und Malereien durchdringen Literatur und Bildnerisches, Schrift und Objektdetails einander auf betörend labyrinthische, ungelenke Weise. Ein Fabulieren zwischen Meditation und einer gestalterischen Lust, die auf Linien zielte, die jede gedachte Linie durchkreuzen. Zeichnungen, als machte der Dezember einen Aprilscherz. Radierungen, als verstecke sich das Unauffindbare auf dem Grund eines Wühltisches. Pure Ablenkungs-Manöver von der Realität, all den Realitätern - du siehst dies Narrenspiel und bückst dich sofort nach Nebensachen. Nichts muss stimmen, wenn nur die Stimmung überzeugt. Wandre nicht, das Ziel wird auf dich zukommen.

Wir werden vor manches unerwartete Problem gestellt, Hussel aber gab uns Rätsel auf. Er hat gezeichnet, radiert, als dürfe die Welt unbedingt noch einmal daran glauben, unschuldig zu werden oder ein Bild zu sein, das man gern anschaut. In seinem Werk geschieht die Umarmung aller Dinge. Bedichtung der Ewigkeit, Arkadiens, der Luft, des Raumes, der Erde, der Bäume, der Käfer, der Zeit. Vieles herübergeholt in eine sprudelnde Spaßhaftigkeit. Der Außenseiter als Mensch, dem nichts misslingt, weil er sich in nichts mehr täuscht. In seiner Spurenlegerschrift hatte der Druckfehlergott das Sagen: Aus jeder Armut wurde umgehend Anmut.

Geboren vaterlos 1934 in Greifswald. Untauglich für die Hitlerjugend. Untauglich für alle künftigen Kollektivismen. Untauglich für eine Realität, die vorgeschrieben wird. Untauglich für die Verpflichtung zur Weltrettung. Die DDR hat sich an kommunistischen Großträumern versündigt, an ehrlichen Dissidenten, vor allem an Millionen Menschen mit tapfer durchgehaltenen Kleinträumen. Aber eben auch an Künstlern wie Hussel, die sich trotz erhaltenen Ohrfeigen nicht für Adenauer entschieden. Nicht das 1990 nachgereichte Abschlusszeugnis der Kunsthochschule Weißensee bestätigte ihm den Kunstverstand. Nein, diesen Sinn bestätigten ihm die Exmatrikulationen vorher, in Dresden, in Berlin. Ein Dekadenter, ein Formalist, ein sozialismusfrüher Spätbürgerschreck.

Hussel denken heißt: Abstand pflegen. Lachhaft, diese Teilung der Welt in Ost und West; lächerlich diese Sinnsucht der politischen Richtungsbeflissenen; ein Prusten wert diese Regulierungsmilitanz der Sozial- und Geschlechtsgerechten. Hussel pfiff auf Konflikt und Absicht. Er spintisierte sich die Freie Räterepublik Mekelenburg zusammen, erfand den Komponisten Albrecht Kasimir Bölckow aus Gägelow. Auch steckte er seinen ganzen Störsinn in einen eigenen Verlag, die »Dronte-Presse«. Dronte? Der Lyriker Michael Krüger widmete dem flugunfähigen Ur-Vogel, der nur noch im Museum existiert, ein Gedicht: »Was wir sehen,/ kann die Wahrheit sein:/ ein grauer staubiger Flaum,/ der bei jedem Herzschlag zittert.«

Der Bildpoet zeichnete im Osten für »Das Magazin« und »Sybille«, gestaltete später die Buchumschläge für den Verlag »Friedenauer Presse«. Er besaß Intelligenz, um gängige Schlauheit zu missachten. Dass er 1975 seinen Beitrag zur DDR-Kunstausstellung in einem Briefumschlag einreichte (und abgelehnt wurde), erzählt den ganzen Hussel: Bleib groß und einzig im Geringen, unterlauf den Bedeutungszwang, bleib deutlich in der Untertreibung - die dich herausstreicht. Er avancierte zu den Gefragtesten, die Buchillustrationen in einen Adelsstand hoben. Seine Kunst war nicht Beigabe, sie weitete, sie sprach mit dem jeweiligen Text.

Zu seinen schönen Erfindungen gehört Grafik, beigesellt den Gedichtbänden des wundersamen Poeten Uwe Greßmann (1933 - 1969). Der schreibt, was auch Hussel lebte: »Ich, Mensch, ein kleiner Kosmos, wie Philosophen sagen,/ Trug die Erde am Schuh und in mir die Idee der Schöpfung; / Da ging ich auf der Straße des Himmels bummeln.« Dahinter steckten Lust und Fähigkeit, noch im Kreischen einer Straßenbahn die Geige zu hören. Die Dankbarkeit fürs Leben nicht aufzugeben. Netze in den Tag zu werfen, und der Tag hängte sich gern und kenntlich hinein, weil ja so einer wie Hussel gar nichts fangen wollte. Um sich zu behaupten, erhob sich dieser Dichter mit dem Stift über nichts und niemanden. Das nennt man wohl Freundlichkeit - die einen Einsamen beizeiten töten könnte, würde er von der Poesie nicht wiedergeliebt. In dieser Poesie blickte der Kosmos auf den Kleingarten, der Kleingarten blickte zurück, denn auch er ist ein Kosmos, so, wie der Kosmos auch bloß ein Kleingarten bleibt.

Dort war Hussel ganz zu Hause, wo das Sagenhafte wohnt. Er war Ehrenpräsident der Schwitters-Gesellschaft, betrieb das pfiffig Törichte, für das man Verwandtschaftsnamen wie Adolf Endler oder Horst Sagert nennen muss. Oder den Maler Friedrich Schröder, jenen Genius mit der Psychiatriekarriere, der sich »dreifacher Weltmeister der Künste« nannte, seinen Nachnamen um »Sonnenstern« ergänzte, Teufel und Weib in spannende Beziehungen trieb und auf dessen Bildern die Penisse Augen haben.

Nun sind sie zum Vermächtnis geworden: die in Jena von Jens-Fietje Dwars in der Edition Ornament herausgegebenen Briefe zwischen Hussel und Maler Gerhard Altenbourg. Gunnar Decker hat den Band für »nd« rezensiert und geschrieben: »Hussel, das leibhaftige Gesamtkunstwerk aus Wahrheit und Lüge, Original und Kopie, schafft spielend, was schönen Frauen, die sich allzu sehr anstrengen, selten gelingt: uns zu verwirren. Das aber ist das Geheimnis einer Diva, die Hussel zweifellos ist.«

Manchmal sagte er, er wisse gar nicht, wer er sei. Es ist dies vielleicht schon das Höchste, was der Mensch von sich und der Welt zu erfahren vermag: das Zittern einer Ahnung, was es mit dem Dasein, hinterm Nebel, auf sich hat. Das Leichte ist das, was unbedingt gespielt werden muss, weil es dem realen Leben fehlt. Spielt das Schwere, als sei es leicht! So rufen es uns, den Leuten im Trüben, alle armen Poeten aus dem Drüben zu - das nun um eine Stimme reicher ist: Horst Hussel, 83-jährig, ist gestorben.

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