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Der Mensch hinter dem Dealer

Scott Holmquist über seine Ausstellung »Andere Heimaten - Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks« im Friedrichshain-Kreuzberg Museum

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Einige Medien und Politiker sind in den vergangenen Wochen auf den Zug der »Bild«-Zeitung aufgesprungen, die den Vorwurf erhebt, in der Ausstellung »Andere Heimaten« würden Drogendealer gefeiert und heroisiert. Was sagen Sie dazu?

Die Ausstellung glorifiziert Drogendealer zu keinem Moment. Sie ist, im Gegenteil, sehr nüchtern und sachlich. Ein Teil der Ausstellung soll dem Besucher ein Gefühl für die mediale Diskussion rund um den Mythos Drogendealer vermitteln. Unkommentiert sind dort Medienberichte zu sehen, die sich mit dem Thema Drogenhandel im öffentlichen Raum beschäftigen. Sie sollen als Spiegel der gesellschaftlichen und kollektiven Wahrnehmung des Themas dienen. In einem zweiten Teil werden auf Basis von Interviews Informationen über die Herkunftsorte und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks zu Verfügung gestellt. Der Besucher findet dort, völlig wertneutral, Informationen über den Menschen hinter dem Drogendealer, seinen Herkunftsort und darüber, wie er sich als Körper durch den Raum nach Berlin bewegt hat. Zum Schluss können die Besucher dann in einem digitalen Reiseportal ihre Reise zu den entsprechenden Orten planen. Denn als privilegierter Mensch hat man die Mittel, diese Orte ohne große Umstände zu erreichen. Die Menschen, die aus Afrika hierher kommen, tun dies jedoch oft unter widrigen Umständen, und unter solchen wohnen, leben und arbeiten sie dann auch hier. Insofern ist die Ausstellung keine Glorifizierung von Drogendealern, sondern eine nüchterne Betrachtung der Menschen, die im Rahmen der Recherche interviewt wurden.

In der Ankündigung heißt es, die Dealer würden ihre »Arbeit tapfer verrichten«. Wie ist das gemeint?

Zuerst handelt es sich hier um ein künstlerisches Narrativ, das etablierte Denkmuster aufbrechen will. In der Regel sind es Geflüchtete, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, keinen Zugang zu Arbeit. Es sind Menschen, die geduldet werden - und dann in einer gesetzlichen Grauzone im öffentlichen Raum eine Tätigkeit verrichten, die tabuisiert und kriminalisiert wird. Trotzdem müssen sie irgendwie über die Runden kommen. Zum anderen kann man es so sehen, dass die Drogenverkäufer ein Stück weit politische Arbeit verrichten. Sie sind Symbol für den Widerspruch in der Drogenpolitik, der einerseits den Konsum erlaubt, aber den Verkauf kriminalisiert. Das ist ein logischer Widerspruch, weil erst die Nachfrage das Angebot schafft. Den Konsumenten, die in der Regel privilegierte Menschen sind, droht keinerlei Verfolgung. Der Verkauf aber bleibt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine geächtete Tätigkeit.

Sie haben gerade gesagt, die Nachfrage wird durch den Konsumenten geschaffen. Der FDP-Politiker Marcel Luthe meint, dass es genau andersherum sei und durch die Drogendealer erst Suchtkranke erschaffen werden. Ist das wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei?

An dieser Stelle muss man einen Schritt zurückgehen und festhalten, dass dieses Projekt kein politisches, sondern ein künstlerisches Projekt ist, das sich mit der Untersuchung einer geächteten Tätigkeit befasst, die in der postkapitalistischen Utopie als Arbeit gewertet werden darf. Die politische Diskussion rund um Drogenkonsum sollte also auch von der politischen Szene geführt werden. Aus Sicht der Künstler ist es aber so, dass der Rausch ein Wesensmerkmal menschlicher Kultur ist, das sich nicht einfach negieren oder totschweigen lässt. Jede Kultur und Epoche hat ihre eigenen Drogen. Während Alkohol hier legal ist, ist Cannabis es nur bedingt. In Ländern des Nahen Ostens finden Sie das umgekehrt vor. Um so wichtiger ist deshalb die Debatte um das Thema Drogen, deren Missbrauch und Kriminalisierung.

Inwiefern ist Rassismus der Grund für diese besondere Abneigung gegen Drogendealer?

Wir sehen, dass die mediale Stilisierung des Drogendealers sehr eng an Menschen mit Migrationshintergrund beziehungsweise an Menschen mit schwarzer Hautfarbe geknüpft ist. Dabei geht es jedoch immer nur um den Drogenhändler im öffentlichen Raum. Das heißt, wir haben hier ein starkes Zerrbild von Dealern. Der Drogendealer im öffentlichen Raum kann nicht sinnbildlich für den Drogendealer stehen. Ich würde meinen, dass die Mehrheit der Drogenverkäufer nicht im öffentlichen Raum aktiv ist und auch nicht unbedingt einen Migrationshintergrund oder schwarze Hautfarbe hat. Dieses sehr emotionale aufgeladene Bild des Dealers ist sehr eng verknüpft mit rassistischen Motiven, Bildern und besorgniserregenden Argumentationsketten, wenn man daran denkt, dass Politiker den Drogendealer gerne als jemanden stilisieren, der unsere Kinder vergiften will. Wenn dieses Bild immer in die Nähe von Menschen mit Migrationshintergrund oder Schwarzen gerückt wird, dann erweckt das rassistische Assoziationen, die nicht der Wahrheit entsprechen.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, die Opfer von Drogensucht in der Ausstellung nicht zu thematisieren? Auch das ist ein Vorwurf, den zum Beispiel die CDU-Fraktion im Bezirk erhoben hat.

Die Freiheit der Kunst sollte erlauben, nonkonforme Ideen zu entwickeln und künstlerisch darzustellen. Wir haben hier ein Thema gewählt, das bisher noch sehr selten beleuchtet worden ist, vor allem in dieser Art und Weise. Insofern empfinden wir bereits jetzt die Diskussion, die entstanden ist und die Reaktionen als sehr bereichernd und sehen sie als Abbild der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Debatte.

Glauben Sie, dass Sie Ihr Ziel, mit der Ausstellung den Hass auf Drogenverkäufer zu entkräften, verfehlt haben?

Nein. Die Ausstellung hat ja noch nicht mal begonnen (lacht). Insofern wurde bisher kein Ziel verfehlt. Was wir wollen, ist: das Thema als künstlerische Inszenierung darstellen, die den Leuten einerseits das Spannungsfeld zwischen der medialen und der öffentlichen und kollektiven Wahrnehmung vor Augen hält, aber auch zeigt, dass mehr hinter dem Label »Drogendealer« steckt - nämlich Menschen, die aus verschiedenen Gründen hierher kamen und aus verschiedenen Motiven diese Arbeit machen. Die Reaktionen, die es bisher auf die Ausstellung gab, sind vor allem Spekulationen. Die Fehlinterpretation eines künstlerischen Narrativs wird politisch und medial genutzt, um Interessen zu vertreten. Auch das Museum hat viel Kritik einstecken müssen. Dabei bietet es eine wichtige und wertvolle Plattform für den Dialog im Bezirk, in der Stadt Berlin und jetzt auch im Bund. Dafür sollten wir das Museum loben und nicht kritisieren.

»Andere Heimaten«, bis zum 14. Januar 2018 im Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Adalbertstraße 95 A, Kreuzberg. Eröffnung an diesem Dienstag, 19 Uhr.

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