Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Mit einem geladenen Gewehr ...

Kathrin Gerlof über den Mietenwahnsinn in Berlin, eine airbnb-Kampagne sowie kleine und große Profitjäger

... läuft man nicht durchs Dorf.« So heißt es in irgendeinem Steven-King-Roman und man fragt sich langsam, ob das wirklich stimmt. Fünf Übernachtungen in einer netten, möblierten Zweizimmerwohnung im Herzen Berlins, zwischen Potsdamer und Alexanderplatz (airbnb) kosten 700 Euro. Auf den Monat gerechnet macht das Arschloch, dem oder der die Wohnung gehört, 4200 Euro. Zahlt vielleicht 1000 - oder lassen wir es 1200 sein.

Der Ferienwohnungsanbieter airbnb (Wohnraum effektiv nutzen) weiß, dass manchmal Leute in Gedanken an ihn und sein Tun die Knarre durchladen. Das sind Kleingeister, die vielleicht einmal zu oft in einer Schlange gestanden und eine Wohnung besichtigt haben, die sie dann doch nicht bekamen. Blöde Studenten, denen das Studium in der Hauptstadt nicht mal schlappe 500 Euro für ein abgefucktes Zimmer wert ist. Leute, die sich über 15 Euro pro Quadratmeter nettokalt aufregen.

Früher erklärte Manfred Krug den Menschen, dass selbst der einfachste unter ihnen Aktienbesitzer sein kann. Heute unterbreitet airbnb, dass alle, die über eine Wohnung verfügen, damit zocken sollten. Und wenn sie es nicht tun, sind sie einfach nur Proll und doof. Das Unternehmen schwallt uns auf großflächigen Plakaten mit stylischen Fotos von absolut sympathischen, freiheitsliebenden, überhaupt nicht prolligen Menschen voll, wir sollten unsere Freiheit auch nutzen. Und zu der gehöre eben: zu zocken. Mit seiner stylischen Wohnung. Stimmt. Lässt sich nix gegen sagen. Wenn irgendwo das Wasser knapp wird, ist es völlig legitim, für den Liter 100 Euro zu verlangen. Alles eine Frage von, na wir wissen schon, Nachfrage und Angebot.

Noch kein geladenes Gewehr, aber immerhin eine hübsche kleine Gegenaktion sind die Plakate, auf denen steht: »Wenn Sie eine Wohnung buchen, denken Sie an die steigenden Mietpreise für Einheimische, den zunehmenden Tourismus und die soziale Verdrängung von Menschen. Für jede neue Ferienwohnung muss ein lokaler Mieter seine Wohnung verlassen.«

Zu den kleinen gesellen sich die großen, die richtigen Zocker. Seine Wohnung zu spekulativen Zwecken zu missbrauchen, ist ja letztlich Kleinvieh, das aber eine Menge Mist produziert. Der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen, dem rund 110 000 Wohnungen in Berlin gehören, möchte den Mietspiegel kippen. Das ist an sich nicht schlimm. Denn der Mietspiegel war ursprünglich mal als Mietpreisbremse gedacht und hat sich ins Gegenteil verkehrt. Einfach deshalb, weil die Mieten ja steigen und steigen, der Mietspiegel immer wieder neu aufgelegt wird und die Steigerungen einpreist. Dann bilden die gestiegenen Mieten plötzlich das Mittel, an dem man sich als Vermieter orientieren kann, was es Konzernen, wie der Deutsche Wohnen ermöglicht, noch eins draufzulegen. Insofern fragt man sich, warum ausgerechnet so ein Konzern so bescheuert ist, ein Instrument, das ihm seit Jahren zuarbeitet, gerichtlich kippen zu wollen.

Es gibt aber Hoffnung. Zum Beispiel auf www.grandaire.de. »Stellen Sie sich einen Ort vor, mitten in Berlin, an dem jeder Moment zu etwas Besonderem wird. Ein Zuhause, das Ihrem Rhythmus folgt, Sie die Leichtigkeit des Seins spüren lässt und zugleich der Intensität Ihres Lebens gewachsen ist. Einen Ort in hervorragender Lage, mit individuellen Wohnarrangements und durch den hauseigenen Conciergedienst versehen mit den Vorzügen eines Boutiquehotels. Es gibt diesen Ort! Sie können einen Teil davon Ihr Eigen nennen. Willkommen im Grandaire!«

Der Quadratmeter in diesem hübschen Etablissement (das spricht man in Berlin Etablissemang) kostet 6000 Euro. Das Arschloch vom Anfang dieses Textes macht mit seiner oder ihrer Wohnung 3000 Euro im Monat Gewinn, das ist schon mal ein halber Quadratmeter. So betrachtet relativiert sich die eine durch die noch viel größere Schweinerei. Uff, das herauszufinden war jetzt harte Arbeit.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln