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Mal wieder Majak?

Russische Behörden bestätigen nun doch erhöhte Ruthenium-106-Konzentrationen

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

»Das Ministerium für öffentliche Sicherheit und der Atomkonzern Rosatom kontrollieren regelmäßig die Strahlung im Gebiet Tscheljabinsk. Die Strahlenbelastung ist normal. Es wurde keine Erhöhung der Radioaktivität gemessen.« So reagierte Minister Jewgeni Sawtschenko am 9. Oktober auf eine tags zuvor veröffentlichte gemeinsame Mitteilung des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz und des Bundesumweltministeriums. In der war die Rede von »leicht erhöhten Messwerten« von radioaktivem Ruthenium-10. Mit »hoher Wahrscheinlichkeit« verwiesen die deutschen Behörden auf »einen Ursprungsort im südlichen Ural«. Man vermied jeden Alarmismus, schloss einen Unfall in einem Atomkraftwerk aus und betonte, es gebe »hierzulande keinerlei Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung«. Auch in anderen Ländern wurden erhöhte Ruthenium-106-Werte gemessen. In Frankreich meldete das Institut für Atomsicherheit erhöhte Werte. Die maß man auch in Italien. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit wies das Isotop im sehr niedrigen Bereich von wenigen Millibecquerel pro Kubikmeter Luft nach und betonte die radiologische Unbedenklichkeit.

Knapp zwei Wochen gingen vorüber, in denen die russische Seite weiter behauptete, der meteorologische Dienst »Roshydromet« habe in seinen Aerosolproben, die vom 25. September bis 7. Oktober in der Russischen Föderation, darunter auch im südlichen Ural, entnommen wurden, kein Ruthenium-106 entdeckt. Am Montag nun hat der staatliche Wetterdienst zum Erstaunen vieler mitgeteilt, dass Ende September in Teilen des Landes eine hohe Konzentration von radioaktivem Ruthenium-106 gemessen worden sei. Die höchste Konzentration wurde demnach in der Messstation Argajasch registriert. Zwischen dem 25. September und dem 7. Oktober sei eine Konzentration von Ruthenium-106 gemessen worden, die das 986-fache des erlaubten Wertes betragen habe. Das Dorf liegt in der Region Tscheljabinsk, also - wie von den deutschen Experten behauptet - im südlichen Ural. Trotz der erhöhten Werte dort habe es nach Angaben des staatlichen russischen Atomkonzerns Rosatom »keinen Zwischenfall und keine Panne« in einer Atomanlage gegeben.

Ruthenium-106 wird in der Krebstherapie eingesetzt. Man nutzt es ebenfalls als »Radioisotope Thermoelectric Generators« für die Stromversorgung von Satelliten. Auftreten kann das Isotop jedoch auch bei der Wiederaufbereitung von nuklearen Brennelementen. Ein Blick auf die Landkarte bestätigt: Die Messstelle Argajasch liegt nur rund 30 Kilometer von der Atomfabrik Majak entfernt.

1957 ereignete sich hier einer der schlimmsten Atomunfälle. Nach der Katastrophe von Tschernobyl (1986) und dem GAU in Fukushima (2011) ist der Unfall in der Atomfabrik Majak der drittschwerste Nuklearunfall. 20 000 Quadratkilometer, auf denen rund 270 000 Menschen lebten, wurden radioaktiv verseucht. Noch immer gibt es keine eindeutigen Aussagen zur Anzahl der Todesopfer und jener Menschen, deren Gesundheit dauerhaft geschädigt wurde.

Insgesamt waren in Majak zehn Kernreaktoren unterschiedlicher Typen in Betrieb. Zwei laufen noch. Die produzieren vor allem Isotope für medizinische, militärische und andere Forschungsvorhaben in vielen Ländern der Erde. Wesentliche Aufgabe von Majak ist die Wiederaufbereitung abgebrannter nuklearer Brennstoffe. Doch die verläuft keineswegs problemlos. Mehrfach wurde die Betriebserlaubnis entzogen. Die Atomanlage teilte in einer Erklärung mit, dass die von der Wetterbehörde festgestellte radioaktive Belastung mit Ruthenium-106 nicht mit ihren Aktivitäten in Zusammenhang stehe. Majak habe auch seit mehreren Jahren kein Ruthenium-106 produziert.

Festzuhalten bleibt, dass es im aktuellen Fall zumindest im westlichen Europa keine Anhaltspunkte für eine gesundheitliche Gefährdung gibt. Bei den in Europa gemessenen Werten handelt es sich um sehr geringe Radioaktivitätsmengen, die nicht gesundheitsgefährdend sind. So betrug die höchste in Deutschland gemessene Konzentration bei Görlitz etwa fünf Millibecquerel pro Kubikmeter Luft. Selbst bei konstanter Einatmung über den Zeitraum von einer Woche ergibt sich daraus eine Dosis, »die niedriger ist als die, die durch die natürliche Umgebungsstrahlung in einer Stunde aufgenommen wird«, hatte das Amt für Strahlenschutz betont.

Deutlich problematischer ist jedoch der erneute Vertrauensverlust gegenüber den verantwortlichen russischen Behörden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte von der russischen Atombehörde eine gründliche Untersuchung über den jüngsten Vorfall. Zudem will die Umweltschutzorganisation, dass russische Staatsanwälte »Ermittlungen über die mögliche Verschleierung eines Atomunfalls« aufnehmen. Mit AFP

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