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  • Berlin
  • Gedenken an Antifaschisten

Silvio-Meier-Preis wurde verliehen

Gedenkveranstaltung zum 25. Todestag von Hausbesetzer kann nur unter Schutz stattfinden

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Wir haben viel gelacht«, erinnert sich etwas wehmütig Dirk Moldt, Freund des vor 25 Jahren von Neonazis im U-Bahnhof Samariterstraße ermordeten Silvio Meier. Moldt steht auf der Bühne in den Räumen des Jugendwiderstandsmuseums in der ehemaligen Galiläa-Kirche in der Rigaer Straße in Friedrichshain und zeigt Bilder aus seiner Zeit mit Silvio Meier: Silvio in Lederjacke auf der Straße, in nachdenklicher Pose mit rasiertem Kopf, Zeichnungen, die das damalige Lebensgefühl illustrieren. Außerdem spielt er ein Musikstück ab, das er zusammen mit Silvio aufgenommen hat. »Heute hört man nicht mehr, wie viel wir damals für diese Aufnahme geübt haben«, amüsiert sich Moldt. Doch er hat auch ein Anliegen, das er mit dem Vortrag transportieren möchte: »Man kann Silvio nicht nur Hausbesetzer nennen, wie es oft getan wird. Silvio war mehr, aber er war auch kein Held.«

Am Dienstag jährte sich der Todestag von Silvio Meier zum 25. Mal. Silvio Meier war in der kirchlichen Friedensbewegung in Ost-Berlin aktiv, nahm an Bluesmessen in der Friedrichshainer Samariterkirche teil. Nach der Wende besetzte er ein Haus in der Schreinerstraße in Friedrichshain mit. Im November 1992 ist er von einer Gruppe Neonazis im U-Bahnhof Samariterstraße erstochen worden, nachdem er versucht hatte, einem der Rechtsextremen den Aufnäher »Ich bin Stolz, ein Deutscher zu sein!« von der Jacke zu reißen. Die drei Angeklagten, die sich in dem Verfahren selbst als Hooligans bezeichneten, wurden damals zu Freiheitsstrafen von viereinhalb und dreieinhalb Jahren sowie zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Seitdem Gedenken jedes Jahr im November Tausende Silvio Meier, der nur 27 Jahre alt wurde.

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg vergibt dieses Jahr zum zweiten Mal den Silvio-Meier-Preis. Ein Ehrenpreis, der Einzelpersonen, Gruppen, Initiativen oder Projekte ehrt, »die sich im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aktiv gegen soziale Bevormundung, Entmündigung, Diskriminierung, Rechtsextremismus, Rassismus, soziale und kulturelle Ausgrenzung einsetzen«. Die ungeheizten Räume des Jugendwiderstandsmuseums sind bis auf den letzten Platz gefüllt, Glühwein kann gegen Spende erworben werden.

Provokationen von der AfD nahestehenden Personen blieben aus. Diese waren befürchtet worden, nachdem der AfD-Landeschef Georg Pazderski gegen die Veranstaltung agitiert hatte. Beim Berliner Verwaltungsgericht war Klage gegen die Vergabe des Preises eingereicht worden, sowie Strafanzeige wegen »Beleidung, übler Nachrede und Verleumdung« (Originaltext AfD-Presseerklärung) gestellt. Das Verwaltungsgericht lehnte es am Montag freilich ab, die Preisverleihung per einstweiliger Verfügung zu stoppen (»nd« berichtete). Hintergrund des Streits ist die Vergabe des diesjährigen Preises unter anderem an die Bezirksgruppe der Initiative »Aufstehen gegen Rassismus« (AgR). Die Initiative hatte sich vor rund einem Jahr gegründet, um gegen den Einzug der AfD in den Bundestag öffentliche Aktionen zu veranstalten. Steckenpferd der Initiative ist die sogenannte Stammtischkämpfer_innen-Ausbildung. Dabei werden die Teilnehmer in Workshops darin geschult, rechten Aussagen argumentativ sicher zu widersprechen. Über 150 Personen seien so in Friedrichshain-Kreuzberg im letzten Jahr geschult worden, bundesweit rund 6000, so ein Jurymitglied bei der Preisverleihung.

Weitere Preisträgerin des Silvio-Meier-Preises ist Edeltraut Pohl, die seit vielen Jahren im Rahmen eines Kirchencafés in der Samariterkirche Beratung für Flüchtlinge anbietet und im Rahmen des Netzwerks »Asyl in der Kirche« aktiv ist.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) ist fassungslos über das Verhalten der AfD. »Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir so eine Veranstaltung mit Security schützen lassen müssen«, sagt sie und weist auf einen stattlichen Herrn, der sich neben der Bühne postiert hat. Dafür seien viele Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung anwesend, »auch zwei FDPler waren hier« freut sich Herrmann. Sie ergänzt: »Wir sind der Gegenpol gegen das, was die AfD anstrebt.« Zudem verweist Herrmann auf die Straßenumbenennung der Gabelsbergerstraße. »Das war das Beste, was wir gemacht haben«, sagt sie im Hinblick auf die Umbenennung in Silvio-Meier-Straße.

In Friedrichshain war in den letzten Wochen in Veranstaltungen mehrfach das Thema Silvio Meier und die linke Geschichte des Kiezes aufgegriffen worden. An diesem Donnerstag findet in der »K9« in der Kinzigstraße eine Veranstaltung zum Thema statt. Dabei geht es darum, »in welchem Verhältnis Tradition und Innovation« im antifaschistischen Kampf zueinander stehen. Am Sonnabend startet um 17 Uhr am U-Bahnhof Samariterstraße die traditionelle Silvio-Meier-Demo unter dem Motto »Damals wie heute: Antifa heißt Angriff!«.

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