Werbung

Warum küsst ihr eure Hunde?

Integration ist ein schwieriger Weg, mit Missverständnissen gepflastert

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wenn Hunderttausende Menschen aus verschiedenen Weltgegenden einander dauerhaft begegnen, dann prallen Welten aufeinander. Kulturell, geistig, religiös, bezogen auf das Rechtsverständnis und bezogen auf die Geschlechterbeziehungen ist eine Fülle möglich: von Missverständnissen bis hin zu Katastrophen. Der titanischen Arbeit, hier zu einem positiven, fruchtbringenden Ausgleich zu finden, hat sich die vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ausgehende Initiative INSCHWUNG verschrieben. Denn guter Wille allein genügt nicht. Ohne ein tiefes Verständnis von der Lage der Geflüchteten aus Asien und Afrika wäre die Integration zum Scheitern verurteilt.

Den Flüchtlingen, die auf Asylheime verteilt werden und betreut wohnen, ist zum einen vieles in der neuen Umgebung unverständlich. Zum anderen stellen sie selbst ihre Nachbarn auch vor das eine oder andere Rätsel. Bei einer Beratungsveranstaltung der INSCHWUNG-Initiative am Mittwoch in Potsdam ging es einmal mehr darum, dass Vertreter verschiedener Organisationen und Verbände, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, Erfahrungen austauschen. So erklärte es Projektleiterin Gabi Jaschke. Zum dauerhaften Erfolg ist der Weg offenbar recht weit. Dozentin Katja Stephan teilte die Begegnungsphasen ein in Euphorie, Entfremdung, Eskalation, Missverständnisse und Verständigung.

Elena Vakker ist seit einigen Monaten in Eisenhüttenstadt für die von der Volkssolidarität übernommene Betreuung von 123 Menschen aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien zuständig. Sie hat kurz zuvor ihr Studium beendet und berichtete von einem breiten Spektrum an Schwierigkeiten, von Beschwerden über Ruhestörung, über das Schulschwänzen von einigen der 58 Kinder und Jugendlichen, über Eigentumsdelikte. Unter den Geflüchteten können viele mit Geld nicht umgehen, erzählte Vakker. Die Menschen überziehen ihr Konto und »verlieren den Überblick«. Sicher kann die Volkssolidarität die Betreffenden dann zur Schuldnerberatung schicken. Aber Geld bekommen sie von dort auch keins.

Bei der Veranstaltung in Potsdam schilderte Ebrima Kubba Juvgen aus Gambia seine Begegnung mit der deutschen Küche. Inzwischen schmeckt sie ihm bedeutend besser, aber zunächst habe er sich nur gewundert, dass es Küchen geben könne, in denen keine 50 Kilogramm Reis stehen. Weil sein Freund, der eine Deutsche geheiratet habe, Brot und Kartoffeln nicht mehr ertragen konnte, habe dieser selbst zu kochen angefangen. »Er wäre fast verhungert.«

Die Betreuer haben »mit Höhen und Tiefen zu tun«, sagte Amina Wiegeleben. Sie arbeitet in der Lausitz in einem Heim der Volkssolidarität für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das Erforschen der familiären Hintergründe minderjähriger, kongolesischer Flüchtlingen wäre eigentlich unerlässlich für die Erarbeitung einer Strategie des Umgangs mit ihnen. Doch stoße man in erster Linie auf Verschlossenheit, bedauerte Wiegeleben. Einer der Jungen habe gerade noch verraten, dass seine Eltern in der Gepäckabfertigung eines Flughafens arbeiten, ein anderer berichtete, er habe sein Leben seit seinem achten Lebensjahr auf der Straße verbracht. Über die Schulbildung gebe es ähnlich spärliche Auskünfte. »Sie reden nicht gern darüber.«

Es ist ein »besonderes Geschick im Kontakt mit Migrantenfamilien unerlässlich, um ihnen gerecht zu werden«, sagte Dozentin Stephan. Sie berichtete von einem Treffen, bei dem junge Flüchtlinge schildern sollten, was ihnen in Deutschland aufgefallen sei. Als erstes sei der Umgang mit Hunden angesprochen worden. »Warum küsst Ihr Hunde?« Darüber wunderten sich die jungen Leute, und sie erlebten hier in Deutschland Ablehnung, Unfreundlichkeit und fehlende Hilfsbereitschaft. Stephan sagte dazu: »Fragen Sie als Frau mit Kopftuch in Frankfurt (Oder) mal nach dem Weg.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!