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Efeu und tägliches Utopia

Poesiealbum Bernhof

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Dieser Dichter, wenn er etwa über »Gassen mit gebrochenen Knien« schreibt, ist keinesfalls unberührt vom Grau bürgerlicher Mittellagen. Der Wahlleipziger Reinhard Bernhof sinnt überm Bahnhof und altem Stadtbad; ihm öffnen sich Gedanken »über der Schlacke«. Aber zwischen Alltagszwang und Befreiungswunsch, zwischen Traumzeit und Leistungszeit herrscht in diesen Gedichten ein reger Verkehr der nützlichen Illusionen: »Die Zeit reicht für ein Gespräch/ das Feuer legt/ in meinen durchlässigen Körper«.

Bernhof beschwört jenes unbegriffen gärende Ereignis Leben, das ruppige Tatorte und charmante Unterlassungsorte zu bieten hat. Der Dichter führt uns dorthin, wo das Dasein nicht jenes frustrierende Planerfüllungs- und Nachholgeschäft ist, nicht dieses arme Vertagungs- und Vermeidungsspiel, keine dieser geläufigen Umschuldungs- und Abzahlungsaktionen, in die wir fortwährend verstrickt sind, uns verstricken lassen.

In dieser poetischen Welt sitzen nicht Realisten aller Couleur auf der Reservebank und warten auf die Wiederkehr ihrer Auftritte für lauter Absagen. Von dieser Lyrik attackiert: »der dicke deutsche Rundkopf/ dessen Lieblingswort Mahlzeit heißt«.

Bernhof: Jahrgang 1940, Schlesier, in der Bundesrepublik Mitinitiator der Ostermärsche, 1963 Übersiedler in die DDR, Gießereiarbeiter, freier Schriftsteller: Das jetzige Poesiealbum enthält auch Gedichte aus den Bänden »Der Angriff des Efeus« und »Tägliches Utopia«. Das ist das treibende Gegensatzpaar: jenes Laub, das alles überwächst (»der blaugrüne Trupp/ kommt wie das Jüngste Gericht«) - und andererseits das schöne Zerren der Fantasie: »ewig/ Dämmerung vor Sonnenaufgang/ Vom Frühling sprechen: immergrünes Land«.

Bernhof lässt sich von Wirklichkeit nicht betäuben, seine Lyrik schafft Variationen der Distanz. Das »Ich« weiß um seine Relativität, es muss sich weltwärts erfahren, also in Verwitterung - der aber Schönheit abgewonnen werden kann. An ihm perlt somit jene Selbstübertreibungstechnik ab, die das Individuum zu einer so glänzenden, aber elenden europäischen Sackgasse gemacht hat.

Gedichte liest man gläubig: Erlösung ist möglich. Erlösung vom Gram, dass man immerzu, am Tag tausendmal, fällig wird für die Grobheit. Der Dichter arbeitet dagegen an, alles in Floskeln zu pressen, alles Große rasant kleinzureden, nur um Sprachlosigkeit zu überbrücken und darüber hinwegzutäuschen, dass das meiste tief in uns zeugenlos bleibt, und zwar alle Zeit. Bernhof setzt auf die Kraft der Poesie, weiß seine »Innenworte« zwar »milchstraßenfern«, aber sie bündeln sich »in langsamer Zeit, weißflammig/ den Panzer schneidend/ in seine Teile«.

Sei noch erwähnt, dass dieses Poesiealbum herausgegeben wurde von Christel Hartinger. Sie starb in der Endfertigung, im Dezember 2016, und so ist das Bändchen auch Erinnerung an eine renommierte Leipziger Literaturwissenschaftlerin.

Poesiealbum 331: Reinhard Bernhof. Auswahl: Christel Hartinger, Grafik: Gerald Müller-Simon. Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 S., brosch., 5 Euro

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