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Würdig für den »Oscar«

Der Filmregisseur und Drehbuchautor Günter Reisch wäre heute 90

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Er war ein Gütiger und Glaubhafter. Ein Anwalt der Freundlichkeit. In der Selbstsicherheit vorsichtig, im Mut bedenkend, in der Hoffnung zäh. Man kann an den DEFA-Filmen von Günter Reisch verfolgen, was diese roh-sozialistische Gesellschaftsordnung sein wollte, in ihren besten Momenten auch war. Zum Beispiel der deutsche Film und die Historie: dies spezielle, meist unerquickliche Zerren zwischen Sinnlichkeit und Verkopfung, zwischen Faktenlage und Erfindung. Reisch, 1927 geboren in Berlin, gehörte zweifellos zu den tapferen Arbeitern im Genre. Die beiden Liebknecht-Filme »Solange Leben in mir ist« und »Trotz alledem!«: eine Geschichte des Zögerns, dann des Mutes und also auch der ideologischen Fixierungen, der Gegenwehr, der Herzbeschwerden wegen dieser bedrängenden Not, immer wieder klein beigeben zu müssen. Konflikte, Kompromisse, vor allem: Kraft.

Sein Ehrgeiz arbeitete unverkrampft, er war gewissermaßen und gewissenhaft ein Kuppler: hat das Lustspiel mit der Tragödie, literarische Stoffe mit dem Gegenwartsstück vereint. Zu den schönsten DEFA-Schöpfungen gehört auf immerdar »Anton der Zauberer« mit Ulrich Thein. Ein DDR-Arbeiter als fideler Knastbruder und Devisenschmuggler, als geschäftiger Windhund und wollüstiger Lebenskünstler. Funktionäre wurden darob nervös: Diskriminierung der Werktätigen! Die amüsierten sich.

Ja, zu denken ist bei Reisch an Schauspieler. An Erwin Geschonneck (»Gewissen in Aufruhr«, »Ach, du Fröhliche ...«, »Wie die Alten sungen«) oder an Jutta Wachowiak und Käthe Reichel in »Die Verlobte«, dem international gefeierten Film über den antifaschistischen Widerstand, den Reisch gemeinsam mit Günther Rücker schuf. US-Regisseur Sydney Lumet meinte, dieser Film habe einen »Oscar« verdient.

Den legendären Wolz, verschollen im Stalinismus (»Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten«, mit Regimantas Adomaitis) zeigte Reisch als revolutionären Vorarbeiter auf verlorenem Posten. Just in diesem Film verquicken sich romantische und marxistische Züge. Aber entsprang der klassische Marxismus nicht dem Haupt der Romantik? Einige Bezirke der DDR boykottierten den Film, Dresdens SED-Chef Hans Modrow lud betont ein. Das Festival in Karlovy Vary wies ab: »Kein Terrorismus auf tschechoslowakischen Leinwänden!«

Kunst würden wir nicht benötigen, wenn sie uns nicht die (fruchtbare wie fürchtenswerte) Spannung offenbaren würde, permanent zwischen alten und neuen Zeiten zu leben - und kaum einer weiß, was alt und was neu ist. Reisch liebte Übergänge, er wollte mit seinen Filmen (»Junges Gemüse«, »Das Lied der Matrosen«) einer sozialen Aufgabe genügen, und das hieß: etwas zur Zuversicht des Einzelnen beizutragen. Wenn er von Schönheit träumte, zeigten die Bilder oft Kampf. Wo er vom Kampf erzählte, sang er der ersehnten Stille ein Lied. Und durch viele Filme ging ein souveräner Witz. »Ein ermutigender Lehrer«, so Andreas Dresen, der bei diesem Regisseur erste Assistentenschritte ging. 2014 starb Günter Reisch. 90 wäre er heute.

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