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Guten Morgen! Also: Schöne Sätze!

Der slowenische Dichter Florjan Lipuš blickt bezauberend auf sein Leben: »Seelenruhig«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Plötzlich ist die Welt, durch die du gehst, so ganz anders. Du siehst sie anders. Siehst etwa im erbarmungswürdigen Bettler einen wunderbaren Kaufkraftzersetzer. Hast nicht mehr nur Hirngespinste, sondern auch Herzgespinste. Wo Sprechblasen endlich zerplatzen, duftet es nach Parfümproben. Sieh doch, Beamte knüpfen ihre Krawatten tatsächlich zu Fluchtseilen. Lauter Fürsprechern begegnest du oder auch lauter Hiobsboten, die dir das neueste Schweigen mitteilen. Plötzlich also ist die Welt anders. Nein, nicht plötzlich: 105 Seiten Gelesenes braucht es schon. Die 105 Seiten dieses Buches, zu dem auch noch ein Nachwort von Fabjan Hafner gehört, das mit dem Wort »Weltliteratur« endet.

• Florjan Lipuš: Seelenruhig.
A. d. Slowen. v. Johann Strutz. Nachw. v. Fabjan Hafner. Jung und Jung, 112 S., geb., 18 €.

Ein Zitatwort von Peter Handke. Ein Wort von Slowene zu Slowene. Denn Florjan Lipuš, der Österreicher, schreibt ausdauernd slowenisch, sein Buch »Seelenruhig« wurde von Johann Strutz übersetzt. Des Autors Treue zur Muttersprache ist Treue zur Mutter: Sie wurde in Ravensbrück von Deutschen ermordet, sie hatte Essen an Partisanen gereicht, die sich als Fallensteller der Gestapo entpuppten. Nun blickt der Achtzigjährige zurück auf sein Leben, nein, nicht zurück. Er blickt auf, dorthin, wo die Himmelsrichtungen weiter zählen als nur bis vier. Er blickt hinüber, dorthin, wo die Irrwege jeder Landschaft den schnurgeraden Scheitel verweigern. Er blickt hinab, dorthin, wo die Abgründe vom Höhenflug träumen. Er blickt hinaus, dorthin, wo Wüsten aus lauter Oasen bestehen. Erinnerung als Lob einer Unwirklichkeit, die das Reale heiter besiegt. Heiter und geheimnisvoll.

»Wenn er sich in der Nacht gegen Morgen im Bett umdrehte und die Augen öffnete, stoben Funken aus den Fingernägeln, kurze kleine Blitze jagten mit kaum hörbarem Pfeifen und Zischen aus den Hautgrübchen, ähnlich dem verzerrten Gesang einer Zikade, wenn sie erstmals ihre Stimmplättchen erprobt.« Da brennt einem Dichter früh das Dasein auf den Fingernägeln. Geistesblitz wird Fingerblitz. Zum Fingerzeig nie. Zur Handreichung allemal: Wie bleibt der Mensch ehrlich, ohne bitter zu werden? Wie sieht er klar, ohne schneidend zu sein? Alles drängt Lipus zum erinnernden Schreiben: die Enge des Dorfes, die Wortkargheit des holzfällenden Vaters, das katholische Internat, diese Folter. Da ist eine Erziehungshärte, die Spielzeug verbietet; und das Geliebtwerden bleibt nur Anhauch, wird nie Bestand.

Lipuš schreibt, als komponiere er eine Litanei. Wiederholung, Bekräftigung, aber alles in einer so feinfühligen Beweglichkeit, als seien Silben jene Steinsammlung im Fluss, die das Wasser perlen und perlen lässt. Literatur als »Selbstgespräch um Lust und Leid«. Und eine Frau als Lebensmensch, die dem Schreibenden »Schöne Sätze!« wünscht, wo es andernorts »Guten Morgen!« heißt.

Das Betörende dieses Buches besteht in seiner - ja, Seelenruhe, obwohl so viel Peinigendes zur Sprache kommt. Sprache ist Welt, und sie gibt und empfängt anders als jede erlittene Realität. Die sterbende Großmutter und die dem Jungen nahezu unbekannt bleibende, so böse vernichtete Mutter: Nichts ist zu Ende, nur weil es vorbei ist - aber wie die Jahre so dunkeln, wird mehr und mehr wahr, was von keiner grässlichen, grämlichen Erfahrung belangt werden kann. Lipuš beschreibt den bäuerlichen Existenzkreis zwischen Kirchenchor, Sauermilch und Beichtstuhl, ein Stimmungsgebräu aus verdrängten Sehnsüchten, verklemmter Gier nach Buße und schwitzender Selbstkasteiung: Am Abend jedes arbeitsamen Tages kehrt man nur immer zu dem zurück, was den Menschen hörig hält. Wie alt muss man werden, so fragt dieses poetische Büchlein, um auf solche Orte, die schon jeder Geburtsurkunde das Fazit »Endstation« aufstempeln, so machtvoll milde, bisweilen sogar heftig humorvoll zu schauen? So »denkbar verfeinert«, wie es Hafner im erwähnten Nachwort schreibt.

Florjan Lipuš wagt nicht, selbst noch so geringe Erscheinungen in den Orkus des Beiläufigen zu stoßen. Diese spürbare Sympathie für alles Existierende - sie besetzt mit vertrauendem Ton noch die trübseligsten Vorgänge und deckt so deren Gegenwert auf: die hellere Seite. Liebende Rücksichtnahme öffnet bei allem Schmerz den Blick für die menschliche Möglichkeit in den Dingen. Menschlich heißt: nicht etwa sorgloser oder enthemmter, aber doch mit einem Augenmerk, das zur tapferen Freundlichkeit fähig ist.

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