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Höhen und Tiefen

Lutz Heuer skizziert das bewegte Jahrhundertleben von Hans Jendretzky

Sein Geburtstag jährte sich in diesem Jahr zum 120. Mal. Leser des »neuen deutschland« erinnern sich bestimmt an die kleine biografische Erinnerung jüngst, verfasst von der letzten Vorsitzenden des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Annelis Kimmel, gemeinsam mit Günter Burkhardt

• Lutz Heuer: Aus dem Leben des Politikers, Antifaschisten und Gewerkschafters Hans Jendretzky.
Trafo, 255 S., br., 20 €.

Der Berliner Historiker Lutz Heuer legt nun erstmals eine umfangreiche und quellengestützte Biografie dieses Kommunisten, antifaschistischen Widerstandskämpfers, Gewerkschafters und DDR-Politikers vor. Der Autor, der in den letzten Jahren mit Biografien unter anderem über die Kommunisten Ottomar Geschke, Arthur Pieck, Ernst Torgler und Paul Schwenk sowie über den ersten Nachkriegs-Oberbürgermeister Arthur Werner auf sich aufmerksam machte, hat sich erneut einem spannungsreichen Leben zugewandt. Heuer war es vergönnt, mit Jendretzky in dessen letzten Lebensjahren noch zu korrespondieren.

In der Tat: Ein Jahrhundertzeuge wird hier vorgestellt. Im Geleitwort konstatiert dessen Sohn Hans Erxleben, dass Jendretzky keine Bilderbuchkarriere absolviert habe.

Seit 1912 gewerkschaftlich organisiert, wird er 1919 Mitglied der USPD, ein Jahr später der KPD. Er ist Funktionär des Rotfrontkämpferbundes und der KPD, gehört ab 1928 dem Preußischen Landtag an und betätigt sich bis zu seiner Festnahme im Frühjahr 1934 aktiv gegen das NS-Regime. Wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, setzt Jendretzky nach seiner Entlassung die Widerstandsarbeit fort, wird erneut verhaftet und verurteilt und im April 1945 befreit. Er ist, wie es in der DDR hieß, ein »Aktivist der ersten Stunde«. Der Mitunterzeichner des Aufrufs der KPD vom 11. Juni 1945 wird in das ZK der KPD kooptiert und gehört fortan zur politischen Führung in der sowjetischen Besatzungszone. Zunächst Stadtrat für Arbeit im Berliner Magistrat avanciert er zum Vorsitzenden des FDGB und schließlich 1. Sekretär der Berliner SED-Parteiorganisation. Da er im Juni 1953 die politischen Positionen von Rudolf Herrnstadt und Wilhelm Zaisser unterstützt, wird er Anfang August des Jahres abgesetzt und aus dem Politbüro sowie dem ZK ausgeschlossen. Im Januar 1954 erhält er durch die Zentrale Parteikontrollkommission eine »Rüge« und wird für vier Jahre als Vorsitzender des Rates des Bezirkes Neubrandenburg in die »Provinz« abgeschoben. Im Sommer 1956 wird die Parteistrafe aufgehoben, im Gegensatz zu Franz Dahlem wird er aber nicht rehabilitiert.

Ein halbes Jahr später zurück in Berlin und auf dem 30. Plenum der SED im Februar 1957 wieder ins ZK kooptiert, übernimmt er die Funktion eines Vizeinnenministers und Staatssekretärs für Angelegenheiten der örtlichen Räte. Es folgen noch viele andere Aufgaben, zuletzt ist Jendretzky Vorsitzender der FDGB-Fraktion in der Volkskammer und erlebt als deren Alterspräsident das Ende der DDR.

Dem Autor ist zu danken, dass er all diese dramatischen, turbulenten Lebensabschnitte mit der großen Geschichte verbindet. Auch private Anekdoten und Episoden werden nicht ausgespart. Der Band ist reich illus-triert, hat ein umfangreiches Literaturverzeichnis und gibt über viele Mitstreiter, Weggefährten und Zeitgenossen Jendretzkys ausführliche biografische Informationen.

Zum Schluss noch dies: Den Rezensenten selbst macht es betroffen, dass die SED-Führung den eigenen, loyalen Genossen nicht traute. Heuer fand in den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit ein im Juli 1972 verfasstes siebenseitiges, streng geheimes Dossier, in dem vor allem in Jendretzkys Jahren vor 1945 nach »Fehlverhalten« gegründelt wurde.

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