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Wer aufrecht geht, hat die Hände frei

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube berichtet über die Anfänge von allem - soweit wir davon wissen können

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»Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas eintritt oder entsteht.« Schön hat er das formuliert, der alte Aristoteles von Stageira, Schüler des Platon und Lehrer Alexanders, des späteren Makedonierkönigs, der den Beinamen »der Große« erhielt. Seine Definition über den Anfang stellte der Herausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« an den Anfang seines Buches über »Anfänge«.

• Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem.
Rowohlt, 443 S., geb., 24,95 €.

Darin geht es um solche, die nicht exakt verifizierbar sind, etwa um den Anfang des aufrechten Ganges, des Kochens und der Sprache sowie alles andere, was uns als Spezies Mensch auszeichnet. Dazu gehören Musik, Tanz, Glaube und Rechtssetzung, von Kaube folgerichtig hernach geschildert. Materialistisch geschulten Lesern und Leserinnen kommt da gewiss die von Karl Marx benannte »einfache Tatsache« in den Sinn, dass »die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben«. So fasste Friedrich Engels am Grabe des Freundes 1883 dessen Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte pointiert zusammen. Um es im Jahr darauf mit »Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats« zu vertiefen.

Kaube ist vermutlich kein Marxist oder Engelist (macht aber auch nix). Überraschend eröffnet er mit Hawai das Kapitel über den Staat, von dem wir ebenfalls dank der Klassiker wissen, dass er das Eingeständnis antagonistischer gesellschaftlicher Widersprüche ist. Natürlich kommt Kaube auf den ältesten Stadtstaat, Uruk in Mesopotamien, sowie auf Mohenjo-Daro und Harappa im Industal zu sprechen. Den Anfang der Stadt titelt er süffisant mit »Jemand hat vor, eine Mauer zu bauen«.

Die Geburt der Klassengesellschaft flankierten Schrift und Zahlen, gleichfalls in Mesopotamien erfunden, verfeinert im alten Ägypten und von den Indern mit der Null bereichert, ohne die keine Computertechnik denkbar ist. Das erste Geld, so Kaube, habe nicht dem Handel gedient, sondern war religiöse Opfergabe; daher rühre dessen kultische Verehrung bis heute. Auch die von den Sumerern vor 3500 Jahren erfundene Schrift habe zunächst nicht der Verewigung von Geschichten oder Wissensinhalten gedient, sondern war Merkhilfe beim Rinderzählen. »Die wichtigsten Erfindungen haben keine Erfinder. Wir kennen den Menschen nicht, der als erster aufrecht ging (aha, ein Ossi war es ergo nicht, K.V.) oder als erster ein Wort sagte ...«

Um die Anfänge sind allerlei Mythen und Legenden gewoben worden. Prometheus soll den Menschen das Feuer gebracht, Kain die erste Stadt gegründet haben (und Romulus und Remus später die »ewige« am Tiber). »Dädalus und Ariadne wird der erste Tanz zugeschrieben, dem ägyptischen Gott Thot, der bei den Griechen zu Hermes wurde, die Erfindung der Schrift, und der Anfang der Religion lag selbstverständlich bei Gott.« Wie auch immer der angehimmelt wurde und wird, Religion war und ist »das Opium des Volkes«, Ausdruck des gesellschaftlichen Elends und zugleich auch Protest gegen dieses Elend - um hier mal wieder Marx zu zitieren.

Eine auf dem Buchcover zu sehende Innovation, das Rad, lässt der studierte Philosoph, Germanist und Kunsthistoriker explizit außen vor. Weil es eine technische und »vergleichsweise späte Erfindung« war. »Anfänge sind keine Einfälle. Sie ziehen sich lange hin, sie erfolgen nicht über Nacht, sondern in unendlich kleinen Schritten, die Menschheit brauchte unvorstellbar viel Zeit.«

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass der Codex Hammurapi, um 1800 v. u. Z. in Babylon verfasst, nicht das erste Gesetzeswerk war, eventuell taucht noch ein älteres auf; die Stele des Königs von Sumer und Akkad ist im Louvre zu bewundern, während das jüngere Zwölf-Tafel-Gesetz der alten Römer von 449 v. u. Z. nicht materiell erhalten ist. »Es wird noch viele neue Anfänge geben, und während über sie geschrieben wird, verändern sie sich«, weiß Kaube. So hat man nach dem Fund von Knochen und Steinwerkzeugen in einer marokkanischen Höhle das Alter des modernen Menschen um 100 000 Jahre revidieren müssen. - Ein lehrreiches, unterhaltsames und schönes Buch. Bedenkenswert ist die leider sehr wahre Feststellung von Kaube: »Wer aufrecht geht, hat die Hände frei. Und wozu? Zum Töten.«

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